Traumlandschaft

arnstadt

„Der zivilisierte Mensch ist der Bauer, der bei der Arbeit denkt. Je mehr man in den großen Städten lebt, desto tiefer versinkt man im Dunkel der Barbarei, der Dummheit und der Perversion.“ Vincent van Gogh

SO musse sein, hügelich aba übasichtlich. Ob der Zeichner auf einem hohen Berg stand, weiß ich nich. Jedenfalls hatte man 1892 für die „Seydlitzsche Geographie“ der „Könichlichen Unitäts- und Verlags-Buchhandlung“ in Breslau noch keinen Hubschrauber zur Verfügung. Der Holzstich zeigt die Gegend von Arnstadt an der Gera in Thüringen, das „grüne Herz Deutschlands“, wo Johann Sebastian Bach und die Bratwurst erfunden wurden. In dem kleinen Haus am unteren Bildrand wohne ich. Man kann mich davor mit meiner Pionier-Frau erkennen. Sie iss eine, der nie langweilich wird, die starke, lungenschonende Hanf-Kekse backen und mit der man Holz hacken kann. Das muß sein, denn wir heizen und kochen damit. Einmal die Woche besteigen wir unsere Pferde und reiten zum Supamarkt nach Arnstadt. Dort binden wir sie am Geldautomaten an und beladen die Packtaschen mit Schokolade, Müsli, Rosinen, Joghurt, Käse und Bratwürsten. Eventuell wandern wir auch nur bis zur Gera und lassen uns dann mit einem Boot zur Stadt bringen. Sonst, wenn wir gerade nix zu tun ham, Haus- und Garten-Arbeit geschafft und die Tiere versorgt sind, sitzen wir auf dem Berg, rauchen und kucken in die Ferne. Ein Meer im Hintergrund wär auch nich schlecht, aba man kann ja nich alles ham.
Rechts und links neben dem Haus haben wir Apfel-, Kirsch-, Pflaumen-, Birn- und Wallnuß-Bäume in den fruchtbaren Boden gepflanzt, dahinta befindet sich unsa Hanf-Feld. In dem umzäunten Ziergarten vor dem Haus blühen bunte Astern. Auch leisten uns Ziegen, Hühner und Katzen Gesellschaft. In den Häusern unserer Nachbarn wird Spielzeug in Heimarbeit hergestellt. Da muß die ganze Familie helfen, Holzpferde zu schnitzen, Teddybären zu stopfen, dem Kasper das Gesicht zu malen oder Puppen bewegliche Augen einzusetzen. Bauern versorgen uns mit selbstgebackenem Brot und frischer Milch. Auf dem Weg nach Arnstadt trifft man ab und zu Glasmacher, die zur Weihnachtszeit in ihren Körben Christbaum-Schmuck anbieten. Den brauchen wir nich, doch hängen wir uns dunkel-violette Glaskugeln und blinkende Prismen vor die Fenster-Scheiben. Wenn draußen alles weiß iss, und uns drinnen der Kaminofen wärmt, stehen Rehe vorm Fenster und staunen. Kommt der Frühling, tanzen wir mit Chopins „Frühlings-Walzer“ den Hügel hinab. Telefon und TV besitzen wir nich. Wir erzählen uns statt dessen Geschichten und lesen viel. Ach jaah – damals in Thüringen!

borchelhof

 

borchkuech

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