Zirkus des Lebens

zirkusreiterin

Ich erinnere mich, wie ich in der schriftlichen Abiturprüfung Deutsch Franz Kafkas sehr kurze, möglicherweise fragmentarische Erzählung „Auf der Galerie“ analysieren sollte, und das Gefühl hatte, den Sinn nicht gefunden zu haben, obwohl eine eindeutige Interpretation in jedem Fall gescheitert wäre.
Ein Zirkus-Besucher beobachtet von der Galerie aus eine Kunstreiterin, die sich im Rund der Manege bewegt. Zuerst beschreibt Kafka ihre Situation detailliert als Entfremdung eines ausgebeuteten, gehetzten, kranken Wesens, dann erkennt er jedoch den Stolz und die Glücksgefühle jener umsorgten, bewunderten Person, und er weint, „ohne es zu wissen“.
Kafka wurde im Unterricht nicht behandelt. Konsequent den Richtlinien entsprechend mußte in der Prüfungs-Situation das Gelernte im neuen, unbekannten Zusammenhang angewendet werden. Nur, was war das Gelernte? Es erschöpfte sich ebenso wie in der Kunstanalyse auf Stiluntersuchungen, die einen Sinn erschließen sollten, der geschichtslos wie Worte ohne Körper blieb. Entsprechend langweilig kam mir jede dieser Stunden vor, gleich, ob Deutsch oder Kunst. Als Personen ohne Biographie blieben die Schriftsteller und Künstler im mytho-poetologischen Nebel. Die persönliche Folge dieses Kultur-Erlebnisses war die nach der Schulzeit anfangs völlige Abstinenz von Literatur- und Kunstanalyse. Um die ausgedrückte Sinnlosigkeit des Textes „verstehen“ zu können, hätte ich vorher Fritz Martinis „Deutsche Literaturgeschichte“ auswendig lernen müssen. Tatsächlich könnte ich diese Erzählung als ein Leitmotiv meines Lebens ansehen, nur mußte ich das erstmal gelebt haben. Da ist der Beobachter, der spürt, wie etwas nicht stimmt in der Gesellschaft, jedoch immer wieder feststellt, daß die vermeintlichen Opfer genau dieses Leben wollen und sich gar nicht als Opfer fühlen. Somit bleibt der Außenstehende in seiner zwiespältigen Situation der Einsamkeit gefangen, aus der er sich nicht befreien kann, ohne das Denken aufzugeben. Auf sich selbst zurückgeworfen fragt er sich, ob das Problem nur in ihm selbst liege, er als Weltfremder, der ohne Visum reist, also nur an sich selbst leide. Arno Schmidt fand, das Kafka zu den Dichtern gehörte, „die im tiefsten Grunde das Denken hassen“ – wie die „sonntägliche Aufgeregtheit des Bürgers vor dem Essen“ (Herbert Achternbusch).
Das Fragment paßt hier also zum offenen Sinn, und die Beschäftigung mit Kafkas Biographie hätte mir damals verdeutlicht, wie auch der Mensch Kafka stets unverwirklicht, ohne metaphysische Sicherheit in der Fremde blieb: „Ich bin Ende oder Anfang.“ Das weiß ich auch nich. Doch da ich jetzt Kafka zu verstehen glaubte, las ich sein kurzes „Gespräch mit dem Beter“ und „mit dem Betrunkenen“ – und verstand überhaupt nix. Geschichten wie Träume, doch erzähl sie niemandem! Sie können damit nix anfangen und trampeln nur drauf rum. Mir fiel auch auf, wie Kafka das Exekutions-Gerät in seinem Text „In der Strafkolonie“ als „Egge“ benennt, obwohl es sich eigentlich um einen Tätowierungs-Apparat handelt. Mit Eggen kann man nich schreiben sondern nur kämmen.

Foto: Henri Toulouse-Lautrec (1887)

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