Blick zurück im Zorn

romika

Am 26.2.1967 verfasste ich meinen „Bildungsgang“ als Teil der bevorstehenden Abitur-Prüfung. Über das, was ich damals schrieb, brauche ich ich mich heute sogar kaum zu schämen. Es hat seine Gültigkeit weitgehend behalten:

„Meine frühe Jugend verlief ruhig und ohne große Erschütterungen in einem gesicherten und geordneten Elternhaus. Dies war die Grundlage für mein Heranwachsen, das sich ohne plötzliche Umwandlungen und Brüche vollzog.
Da mein Vater Jurist ist, kam ich schon früh mit Rechtsfragen in Berührung und erhielt auf diese Weise einen Sinn für Ordnung, Anständigkeit und Gerechtigkeit.“
Und das hat sich bis heute extrem intensiviert: „Als Einzelgänger lernte ich es, mich gegen andere und manchmal auch gegen die ganze Klasse durchzusetzen.“
Obwohl das Examen durchaus nicht gesichert war, brachte ich doch meine Kritik an der Schulzeit zum Ausdruck: „Was mich in Unter- und Mittelstufe störte, war, daß einem nicht genügend Achtung geboten wurde, daß man weitgehend Freiwild irgendwelcher Lehrer-Launen war. Z.B. verbitterten mich Demütigungen aller Art, die ich besonders im Mathematikunterricht oft erleben mußte.“
Zu einer pauschalen Weltanschauung war ich nicht gelangt: „Ich sehe einen Widerspruch zwischen der religiösen und der wissenschaftlichen Weltsicht. Da mir der Glaube nichts bedeutet, und da die Wissenschaft noch nicht alles aufgeklärt hat, bin ich bis heute zu keiner Lösung gekommen. Deshalb lege ich mich auch in keiner religiösen, politischen und kulturellen Richtung fest … Die Lektüre von Freuds psychoanalytischen Betrachtungen, die von weiten Kreisen unserer Gesellschaft verständlicherweise unter den Tisch gefegt werden, und auf die ich ganz zufällig stieß, ließ mich das finden, was ich ablehne.
Mir fehlt die Achtung vor unserer Zivilisation und Kultur, da ich ihre Entwicklung für rein zufällig halte und ihr keine höhere Wertordnung zubillige [Das ging gegen meinen Deutsch-Lehrer, „Werte-Meier“ genannt!]. Vielmehr halte ich diese Wertordnung, die zweifelsohne vorhanden ist, für Menschenwerk, das für die Gesellschaft notwendig ist, aber für das Individuum nur solange Bedeutung hat, wie es sich in die Gemeinschaft einfügen muß … Ich versuche, für alle geistigen Probleme aufgeschlossen zu sein, aber ich wehre mich gegen geistige Schemata … Außerdem meine ich, daß sich meine Anschauungen zwar nicht grundlegend, aber doch während meines ganzen Lebens ständig verändern werden. Ich schließe mich dem Spruch von John Osborne an: ‚Die heutige Jugend weiß vielleicht nicht, was sie will. Aber sie weiß genau, was sie nicht will.'“
Eins dieser geistigen Schemata war „Europa“. Obwohl meiner Generation der Gedanke, noch einmal Krieg gegen Länder wie Frankreich oder England zu führen, völlig abwegig erschien – wir wollten überhaupt gegen niemanden kämpfen, außer gegen Kommunisten – wurden wir auf Europa programmiert. Dagegen impfte man mir den Haß gegen Russen und Polen im ostpreußischen Elternhaus ein, obwohl ich gar keine kannte. Insofern erschien mir der ganze Europa-Krampf immer wie aufgepfropft. Zumal deutlich wurde, daß sich weder die französische noch die englische Politik wirklich änderte. Und wenn ich heute lese, wie die Bewohner an der deutschen Ostgrenze wieder unter polnischen Banden leiden, dann denke ich, daß dieser Europa-Gedanke ein einziger ideologischer Neu-Beschiß war, der sich niemals zu einer erträglichen Realität entwickeln konnte. Da hat man jahrelang Politik gegen die Menschen gemacht, obwohl es bereits ganz pragmatische Ansätze wie z.B. die Montan-Union gab, doch nun reagieren die Populisten, weil das Mißverhältnis zwischen Idee und Realität offensichtlich geworden ist, und wollen wieder nationale „Leitkultur“ verkaufen.
Und wo bin ich persönlich gelandet? In der Abseits-Falle, wo ich eine beschissene National-Hymne vorsingen müßte, um von meiner betrügerischen Ehefrau unabhängig werden zu können. Alle Bildung hat also nix genützt. Viele Schuhsohlen abgelaufen und nichts erreicht. Gescheitert an der Unzulänglichkeit von Menschen, von denen ich glaubte, man brauchte sie nur gut zu behandeln, dann würde alles gut. Die einzige historische Konstante im menschlichen Verhalten ist nach wie vor der tierische Selbsterhaltungs-Trieb. Des Individuums, der Gruppe, der Nation. Allles andere ist Wunschdenken und Selbstbetrug.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s