Die Frau im Schrank

Kuebart

„Immer wenn Du meinst, es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“
Ostpreußische Weisheit

Wer Kommunikation will, muß sich verständlich machen. Fachsprachen und Mundarten trennen dagegen wie Religionen. Ein Fachbegriff mag den größeren, komplizierten Zusammenhang praktisch verkürzen, verständlich ist er nur dem Insider. Inwieweit das ostpreußische Platt sich vom norddeutschen unterschied, das ich nur mit Mühe verstand, vermag ich nicht zu sagen. Gesprochen wurde es von den mir bekannten Vorfahren nicht.

Soldaten und Jägern ist nicht nur das Töten gemeinsam sondern auch eine Vorliebe für manierierte Fachbegriffe. Der Soldat wird nicht zerfetzt, verstümmelt, er verblutet nicht sondern fällt – was mir auch oft passiert, jedoch keine theatralischen Zeremonien zur Folge hat. Der ostpreußische Jäger stand an seinem „gestreckten“ Hirsch, der keiner „Auferstehung entgegenschläft“. Handelte es sich um einen höheren Beamten, bei dem die abzuschießenden Hirsche in der Qualität noch heute je nach Position wie die Büro-Austattungen gestaffelt sind, so eventuell mit „tiefer innerer Bewegung“. War es ein „doppelseitiger Kronenhirsch“, ein „ungerader Zwölfer“, der „besonders schwer anzusprechen“ ist? Was soll man mit solch einem Hirschen auch schon viel reden? Besonders wenn er „auf der Decke liegt“ und nicht mehr mit dem „Orgeln der Geweihten“ die „Rechte des Stärkeren“ verteidigen kann. Ein ostpreußischer Jägerschafts-Vizepräsident war in der Brunft – nicht in seiner – ein Meister der „Ansprechkunst“. Nachdem man die toten Hirsche „gestreckt“ hatte, fand das gemeinsame „Tottrinken“ statt – was ja erklärt, warum man heutzutage kaum noch was von diesen Jägern liest. Auch wurde der Hirsch „verblasen“. Der bereits erwähnte ostpreußische Jägerschafts-Vizepräsident hat in seinem Leben weit über 100 Hirsche und anderes erschossen und deren Trophäen in seinem ganzen Haus verteilt. Was für ein innenarchitektonischer Alptraum! Ob er seine Rehe auch nackt gefüttert hat, ist mir nicht bekannt. Verdiente Jäger ehrte man mit der Überreichung der Eckzäne des Oberkiefers, „Grandeln“ genannt. Hasen wurden „spitz von vorn befunkt“. Nimmt der Hase den Schützen im 2. Versuch an, läßt jener ihn „rollieren“. Einst brachte man es in der Rominter Heide immerhin zu 41 Schüssen auf 1 Hasen – bis er rollierte. Danach „liebelte“ der Jagdhund „mit treuen Augen ab“, und man nuckelte an einem Schnuller, den ein Witzbold auf die Schnapsflasche gesteckt hatte. Dagegen wurden Wildgänse, -Enten, Bleßhühner und Bekassinen von passionierten Jägern einfach nur „heruntergeholt“.
Um die Jagdgründe Görings in der Rominter Heide nicht zu stören, äußerte jener 1941 den Wunsch, seinen Ostteil von Truppenbewegungen zum Überfall auf Rußland freizuhalten. Die Hirsche waren begeistert und „rauften“ vergnügt an der Heukrippe. „Nur noch ein Gabler und ein gut gewachsener Achtender lasen die letzten Rüben-Schnitzel auf.“ Hans Graf von Lehndorff erinnerte sich jedoch an einen „befahrenen Fuchsbau“. Wer da womit fuhr, blieb offen. Die Rominter Heide war keine Heide-Landschaft sondern eine 25000 Hektar große ehemalige Endmoränen-Wildnis, in der Rotten Sauen „auf grünem Gestell im Gebräch standen“, und die zur fast reinen Nadelwald-Monokultur kultiviert wurde, was immer wieder zu schwerem Raupenbefall führte. So gesehen war die Verwahrlosung durch Polen und Russen das Beste, was der ostpreußischen Natur passieren konnte, denn bei einem weiterem Verbleib der Deutschen, wäre es ihnen sicher gelungen, die Natur dort wie in Westdeutschland zu ruinieren. Schon 1934 wurden giftspritzende Flugzeuge eingesetzt, denen auch Vögel, Hasen und Rehe zum Opfer fielen – unverblasen! Auch fand man in einem Dorf nahe Stallupönen, der kältesten Stadt im Deutschen Reich, nach der Befreiung durch die vergewaltigenden Uhrensammler, in einem Schrank eine tote Frau. Unbefunkt? Erfroren, verhungert oder wahnsinnig geworden. Oder alles zusammen.
Gemeinsame Veranstaltungen der aus ihrer Heimat geflohenen Ostpreußen, deren „Unglück die Revolution und das rote Deutschland“ gewesen waren, zeigten nach 1945 Höhepunkte wie den „Großen Zapfenstreich“, der nichts mit Tottrinken zu tun hat, sondern „in ergreifender Weise uns allen wieder einmal nahe brachte, daß wir alle Deutsche und Christen sind“. Mit diesem Dreck hat man Ostpreußen ein 2. Mal verloren – diesmal endgültig.

Foto: Reinhold Kübart, „Mädchen mit Reh“, Tischplastik

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