Über Tom

German artist, rice-farmer & goat-whisperer on Sulawesi / Indonesia

Auf die Wände!

konotop

Jene Unsicherheit aller Nachrichten und Voraussetzungen, diese beständigen Einmischungen des Zufalls machen, daß der Handelnde im Kriege die Dinge unaufhörlich anders findet, als er sie erwartet hatte, und es kann nicht fehlen, daß dies auf seinen Plan, oder wenigstens auf die diesem Plane zugehörigen Vorstellungen Einfluß hat. Ist dieser Einfluß auch so groß, die gefaßten Vorsätze entschieden aufzuheben, so müssen doch in der Regel neue an ihre Stelle treten, für welche es dann oft in dem Augenblicke an Daten fehlt, weil im Laufe des Handelns die Umstände den Entschluß meistens drängen und keine Zeit lassen, sich von neuem umzusehen, oft nicht einmal so viel, um reifliche Überlegungen anzustellen. Aber es ist viel gewöhnlicher, daß die Berichtigung unserer Vorstellungen und die Kenntnis eingetretener Zufälle nicht hinreicht, unsern Vorsatz ganz umzustoßen, sondern ihn nur wankend zu machen. Die Kenntnis der Umstände hat sich in uns vermehrt, aber die Ungewißheit ist dadurch nicht verringert, sondern gesteigert. Die Ursache ist, weil man diese Erfahrungen nicht alle mit einemmal macht, sondern nach und nach, weil unsere Entschließungen nicht aufhören, davon bestürmt zu werden, und der Geist, wenn wir so sagen dürfen, immer unter den Waffen sein muß.

Carl von Clausewitz (1780-1831), „Vom Kriege“

schiessen

„Cossacks 3“

Jeder stirbt für sich allein

hampelkarte

Sie kriegen es einfach nich hin. Warum sind deutsche Filme oft so bemüht, so ungenießbar hölzern und blutleer? So wie „Alone in Berlin“ (2016), immerhin eine internationale Produktion, die auf dem schon mehrmals verfilmten letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada (1893-1947) beruht. Fallada, schon schwer durch Morphium-Sucht gesundheitlich ruiniert, schrieb die Erstfassung des umfangreichen Romans 1946 in 24 Tagen. Anstoß dafür waren Akten der Gestapo über das Berliner Arbeiter-Ehepaar Elise und Otto Hampel, das nach dem Kriegstod von Elises Bruder anfing, Agitations-Karten gegen das Nazi-Regime in Berlin zu verteilen. Otto wurde dafür wegen Wehrkraftzersetzung guillotiniert, Elise starb im Gefängnis durch einen alliierten Bombenangriff. Was für eine spannende und seltene Geschichte über den deutschen Widerstand während der Nazi-Zeit. Falladas fiktiver Roman gehört zu seinen besseren Büchern, auch wenn ihm die Nazis zu Karikaturen geraten. Im Film wird dann die letzte Komplexität auf das Notwendigste reduziert, und die Bösen zu Comic-Figuren. Das verlangt offensichtlich der internationale Geschmack, weshalb ich mich oft darüber wundere, daß Deutsche hier so angesehen sind. Doch widersetz dich mal kriminellen Wilden, dann bist du gleich Nazi, Preuße und Lehrer. Im Film wird ein Polizei-Kommissar von einem SS-Offizier in dessen Büro vor Zeugen blutig geschlagen und anschließend die Treppe hinunter auf die öffentliche Straße geworfen. Eine absolut kindische Idee. Ich weiß nicht, ob sie von Fallada stammt, da ich sein Buch leider nicht gelesen habe. Schon die Eingangs-Sequenz des Films, die den Tod des Sohnes zeigt, weist eher auf ein zu knappes Budget. Wer da wen beschießt, blieb mir rätselhaft. Sehr sorgfältig wird dann das bestürzende Thema zum Kostüm-Film verseichtet, und liebevoll die Mandel-Mühle, die ich als Kind bedienen durfte, ans Fensterbrett geklemmt. Um zu mahlen, müßte man wohl das Fenster öffnen. Auch ein gerahmter Dompfaff an der Zimmerwand der Widerständler kam mir bekannt vor. Die Wohnungs-Einrichtung eher gehoben bürgerlich als proletarisch, obwohl der proletarische Hintergrund schon durch das falsche Deutsch der subversiven Karten deutlich wird. Ganz daneben dann der „Sauerkraut Sound“ der Schauspieler. Die Sprachkunst des Romans geht jedenfalls völlig verloren. Ich habe ja das Glück, hier Raubkopien ohne Synchronisation für 70Cent kaufen zu können. Leider sind Filmkunstwerke nur selten darunter. „Alone in Berlin“ ist sicher keins. Mit deutscher Synchronisation eventuell noch unwirklicher. Nur übertroffen durch das lachhafte „Deutsch“ ausländischer Schauspieler. Die Straßen-Szenen mit schönen, sehr sauberen alten Autos wie auf der Bühne. Viel wird demonstrativ mit „Heil Hitler“ gegrüßt. Eine weitere verpaßte Chance der Aufarbeitung, und so bekam der Film nur überwiegend negative Kritiken. Elise und Otto Hampel werden nicht mal im Abspann erwähnt, und auch bei Wikipaedia gibt es für sie nur eine englische Seite.

eliseottohampel

wpostkarte

Bundeswehrkraftzersetzungsfälschung

Die Frau im Schrank

Kuebart

„Immer wenn Du meinst, es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“
Ostpreußische Weisheit

Wer Kommunikation will, muß sich verständlich machen. Fachsprachen und Mundarten trennen dagegen wie Religionen. Ein Fachbegriff mag den größeren, komplizierten Zusammenhang praktisch verkürzen, verständlich ist er nur dem Insider. Inwieweit das ostpreußische Platt sich vom norddeutschen unterschied, das ich nur mit Mühe verstand, vermag ich nicht zu sagen. Gesprochen wurde es von den mir bekannten Vorfahren nicht.

Soldaten und Jägern ist nicht nur das Töten gemeinsam sondern auch eine Vorliebe für manierierte Fachbegriffe. Der Soldat wird nicht zerfetzt, verstümmelt, er verblutet nicht sondern fällt – was mir auch oft passiert, jedoch keine theatralischen Zeremonien zur Folge hat. Der ostpreußische Jäger stand an seinem „gestreckten“ Hirsch, der keiner „Auferstehung entgegenschläft“. Handelte es sich um einen höheren Beamten, bei dem die abzuschießenden Hirsche in der Qualität noch heute je nach Position wie die Büro-Austattungen gestaffelt sind, so eventuell mit „tiefer innerer Bewegung“. War es ein „doppelseitiger Kronenhirsch“, ein „ungerader Zwölfer“, der „besonders schwer anzusprechen“ ist? Was soll man mit solch einem Hirschen auch schon viel reden? Besonders wenn er „auf der Decke liegt“ und nicht mehr mit dem „Orgeln der Geweihten“ die „Rechte des Stärkeren“ verteidigen kann. Ein ostpreußischer Jägerschafts-Vizepräsident war in der Brunft – nicht in seiner – ein Meister der „Ansprechkunst“. Nachdem man die toten Hirsche „gestreckt“ hatte, fand das gemeinsame „Tottrinken“ statt – was ja erklärt, warum man heutzutage kaum noch was von diesen Jägern liest. Auch wurde der Hirsch „verblasen“. Der bereits erwähnte ostpreußische Jägerschafts-Vizepräsident hat in seinem Leben weit über 100 Hirsche und anderes erschossen und deren Trophäen in seinem ganzen Haus verteilt. Was für ein innenarchitektonischer Alptraum! Ob er seine Rehe auch nackt gefüttert hat, ist mir nicht bekannt. Verdiente Jäger ehrte man mit der Überreichung der Eckzäne des Oberkiefers, „Grandeln“ genannt. Hasen wurden „spitz von vorn befunkt“. Nimmt der Hase den Schützen im 2. Versuch an, läßt jener ihn „rollieren“. Einst brachte man es in der Rominter Heide immerhin zu 41 Schüssen auf 1 Hasen – bis er rollierte. Danach „liebelte“ der Jagdhund „mit treuen Augen ab“, und man nuckelte an einem Schnuller, den ein Witzbold auf die Schnapsflasche gesteckt hatte. Dagegen wurden Wildgänse, -Enten, Bleßhühner und Bekassinen von passionierten Jägern einfach nur „heruntergeholt“.
Um die Jagdgründe Görings in der Rominter Heide nicht zu stören, äußerte jener 1941 den Wunsch, seinen Ostteil von Truppenbewegungen zum Überfall auf Rußland freizuhalten. Die Hirsche waren begeistert und „rauften“ vergnügt an der Heukrippe. „Nur noch ein Gabler und ein gut gewachsener Achtender lasen die letzten Rüben-Schnitzel auf.“ Hans Graf von Lehndorff erinnerte sich jedoch an einen „befahrenen Fuchsbau“. Wer da womit fuhr, blieb offen. Die Rominter Heide war keine Heide-Landschaft sondern eine 25000 Hektar große ehemalige Endmoränen-Wildnis, in der Rotten Sauen „auf grünem Gestell im Gebräch standen“, und die zur fast reinen Nadelwald-Monokultur kultiviert wurde, was immer wieder zu schwerem Raupenbefall führte. So gesehen war die Verwahrlosung durch Polen und Russen das Beste, was der ostpreußischen Natur passieren konnte, denn bei einem weiterem Verbleib der Deutschen, wäre es ihnen sicher gelungen, die Natur dort wie in Westdeutschland zu ruinieren. Schon 1934 wurden giftspritzende Flugzeuge eingesetzt, denen auch Vögel, Hasen und Rehe zum Opfer fielen – unverblasen! Auch fand man in einem Dorf nahe Stallupönen, der kältesten Stadt im Deutschen Reich, nach der Befreiung durch die vergewaltigenden Uhrensammler, in einem Schrank eine tote Frau. Unbefunkt? Erfroren, verhungert oder wahnsinnig geworden. Oder alles zusammen.
Gemeinsame Veranstaltungen der aus ihrer Heimat geflohenen Ostpreußen, deren „Unglück die Revolution und das rote Deutschland“ gewesen waren, zeigten nach 1945 Höhepunkte wie den „Großen Zapfenstreich“, der nichts mit Tottrinken zu tun hat, sondern „in ergreifender Weise uns allen wieder einmal nahe brachte, daß wir alle Deutsche und Christen sind“. Mit diesem Dreck hat man Ostpreußen ein 2. Mal verloren – diesmal endgültig.

Foto: Reinhold Kübart, „Mädchen mit Reh“, Tischplastik