about me

 Tom (*1948), German art-teacher

Kai’ros = Tage, an denen alles anders wird

„Sich selbst historisch zu betrachten, die eigene Vergangenheit in Perioden zu unterteilen ist eine ungemütliche Sache. Sie ist ungemütlich nicht nur aus dem naheliegenden Grund, daß man sich, je weiter man sich vom Anfang entfernt, um so mehr dem Ende nähert, sondern weil es so viele Möglichkeiten gibt, das zu tun; jede einzelne erscheint willkürlich, in kaum etwas anderem als dem Belieben des Erzählers verankert. Wenn es jemandem nur darum geht zu erzählen, was er gesehen und durchgemacht hat, dann hat das nicht so viel zu sagen. In einer Autobiographie, die normalerweise den Zweck hat, eine Illusion aufrechtzuerhalten, steht niemand unter Eid. Wenn es einem aber darum geht, die Bewegung einer Disziplin zu verfolgen, indem man die eigenen Erfahrungen in sinnbildliche Einheiten packt, dann ist das um einiges beunruhigender. Zumindest wird von einem erwartet, daß man die Einheiten rechtfertigt und sagt, was die Sinnbilder versinnbildlichen.“
Clifford Geertz

„Wenn wir etwas über jemanden erfahren wollen, fragen wir: ‚Wie lautet seine Geschichte, seine wirkliche, innerste Geschichte?‘ Denn jeder von uns ist eine Biographie, eine Geschichte. Jeder Mensch ist eine einzigartige Erzählung, die fortwährend und unbewußt durch ihn und in ihm entsteht – durch seine Wahrnehmungen, seine Gefühle, seine Gedanken, seine Handlungen und nicht zuletzt durch das, was er sagt, durch seine in Worte gefaßte Geschichte. Biologisch und physiologisch unterscheiden wir uns nicht sehr voneinander – historisch jedoch, als gelebte Erzählung, ist jeder von uns einzigartig.
Um wir selbst zu sein, müssen wir uns selbst haben; wir müssen unsere Lebensgeschichte besitzen oder sie, wenn nötig, wieder in Besitz nehmen. Wir müssen uns er-innern an unsere innere Geschichte, an uns selbst. Der Mensch braucht eine solche fortlaufende innere Geschichte, um sich seine Identität, sein Selbst zu bewahren.“
Oliver Sacks, „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“

Bürger zweier Welten
… Die Biographie eines Menschen besteht nicht aus einer fortlaufenden Kette objektivierbarer „Lebensereignisse“. Zentral ist, welcher „Sinn“ dem jeweiligen Ereignis gegeben wird … Die Neurosenpsychologie erforscht, wie ein Mensch seine „äußeren Bedingungen“ verarbeitet, welche bewußten und unbewußten Bedeutungen er den äußeren Geschehnissen verleiht … In einer Zeit der fortgesetzten Beschleunigung geschichtlicher Vorgänge und der Verallgemeinerung wissenschaftlicher und sozialer Zukunftshoffnungen erlangt die „Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“ eine neue Qualität. In der Erinnerungsarbeit erfährt sich der Mensch in der Einheit seines Erlebens und Handelns. In der Erinnerung repräsentiert sich sein Verhältnis zur Tradition: für die Identitätsbildung ist es wichtig, wie er diese Tradition aufnimmt, für die Sinndeutung der Gegenwart verarbeitet und als Zukunftsperspektive offenhält. Der Erinnerungsarbeit kommt im individuellen und im kollektiven Leben eine identitätsstiftende Funktion zu: „Geschichtsbewußtsein ist ein komplexer Zusammenhang von Erinnerung an die Vergangenheit, Deutung der Gegenwart und Erwartung der Zukunft. Indem es diesen Zusammenhang realisiert, ermöglicht es historische Identität als Selbstbehauptung von Menschen im zeitlichen Wandel ihrer selbst und ihrer Welt“ (J. Rüsen) … Jede lebensgeschichtliche Rückschau ist immer auch eine kreative Neugestaltung der Geschehnisse. Es gehört zur Grunderfahrung eines jeden Menschen, daß sich seine Sicht der lebensgeschichtlichen Vergangenheit verändert und weiterentwickelt … Unsere Kindheitserinnerungen zeigen uns die ersten Lebensjahre nicht, wie sie waren, sondern wie sie späten „Erweckungszeiten“ erschienen sind. Die genetische Geschichte … ist mit der faktischen Geschichte nicht identisch. Kindheitserinnerungen können niemals in reiner Form wiederbelebt werden, weil das erinnerte Geschehen im Laufe verschiedener Entwicklungsstadien von der sich entfaltenden Persönlichkeit umgestaltet worden ist. Jede Lebensgeschichte stellt auch eine Verarbeitungsleistung dar. Aus frühen Enttäuschungen, Verletzungen und Mangelerfahrungen entwirft der Mensch gleichsam in „kompensatorischer Absicht“ seinen individuellen Lebensroman, der als Resultat einer gelungenen oder mißlungenen „inneren Auseinandersetzung“ mit den realen Vorgaben des Lebens begriffen werden kann.
Prof. Walter A. Schelling, Universität Zürich

Advertisements

6 Gedanken zu „about me

  1. Wenn es einem aber darum geht, die Bewegung einer Disziplin zu verfolgen, indem man die eigenen Erfahrungen in sinnbildliche Einheiten packt, dann ist das um einiges beunruhigender. „Der Mann, der seine Frau nicht mit einem Hut verwechselte“

  2. Warum sollte es so beunruhigend sein, sich dem „Ende“ zu nähern? Wenn man genauere Überlegungen anstellt ist es eher „neutral“ als „schlecht“.

  3. Es ist leider mit einem offensichtlich physischen Verfall verbunden, an den ich mich noch nicht gewöhnt habe, und der – wenn er auch geistich einsetzt – von mir möglicherweise nicht mal bemerkt wird.

  4. Ah, stimmt! – Ich dachte eher an das Ende „an sich“. Aber vor dem „Ende“ gibt es ja auch noch Etappen, die nicht nur schön und angenehm sind …
    Und der geistige Verfall ist wirklich eine unangenehme Vorstellung, zumal ich leider den Fortschritt von Demenz an meiner eigenen Großmutter betrachten muss und merke, wie unwohl sie sich in ihrem Zustand fühlt. Ich stelle es mir so vor, als würde man die Welt wie durch ein Kaleidoskop sehen. Unscharf, ungreifbar und ohne eine bestimmte Ordnung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s