Die Entdeckung der Schildkröte

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Viele Jahre hatte Tom Knox von Dingen geträumt, über die er nie mit jemandem hatte sprechen können. Dieser Traum war es auch, warum er nicht geheiratet hatte; und dieser Traum war es auch, warum er nach Kambodscha gekommen war. Als kleiner Junge schon hatten bestimmte Worte ihn in eine andere Welt versetzt. Worte wie „Zimt“ oder „Safran“ oder „Straße von Malakka“, „Hindu“ oder „Zamboanga“ waren Zauberformeln für ihn. Sie ließen ihn fremde Länder ahnen, geheimnisvolle grüne Gewässer und Menschen, die er noch nie gesehen hatte. Später, als er wußte, was die Worte bedeuteten, wollte er die Orte und die Dinge kennenlernen, die diese Namen trugen. Als er älter wurde, sammelte er andere Worte und bewahrte sie wie Schätze in seinem Gedächtnis: „Monsunzeit“, „Mahagoni-Wälder“, „Reissümpfe“, „Gelber Fluß“ – Hunderte von Namen und Dingen aus dem Fernen Osten.

Lederer/Burdick Der häßliche Amerikaner, 1966

Foto: Marlon Brando in The Ugly American, 1963

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Phantasie

Auswanderung

Die Reduzierung der Wirklichkeit, „hat politische Folgen, das prägt Verhaltensweisen, führt zu verstörtem Verhalten bei jungen Menschen, bei denen alles schon auf einen Wirklichkeitsbegriff reduziert ist, der keinerlei Bewegung mehr oder nur noch wenig Bewegung erlaubt. Da ist alles bis in die Lebensversicherung hinein schon vorweggenommen, ein domestiziertes, auf eine enge Wirklichkeit beschränktes Leben. Das fordert geradezu eine ganz neue Form von Befreiung heraus … In der Tat hat Zukunft heute wenig Zukunft, wie wahrscheinlich noch nie in der Geschichte der Menschheit … (Die Abschaffung des Beamtenrechts in Deutschland) Welch eine Wohltat! Die Befreiung dieser armen, entmündigten Menschen, die, kaum sind sie Beamte geworden, bis an ihr Lebensende so sichergestellt sind, daß ihnen nichts mehr einfällt. Das Beamtenrecht, das wir uns haben einfallen lassen, ist etwas, das unsere Phantasie abtötet. Jemand, dessen Existenz im materiellen Sinn so absolut vom Risiko befreit worden ist, dem kann nichts mehr einfallen, der kann nur noch die Einfallslosigkeit als Institution verwalten.“
Günter Grass im Gespräch mit Siegfried Lenz „Über Phantasie“ (1982)

„Es bleiben offenbar in der modernen Welt von Wohlstandsgesellschaft und Versorgungs-Staat an Handlungsresten nur kleine Portionen übrig, also begrenzte Ziele und mittelmäßiger Aufwand, was keinen vom Stuhl reißt. Das alles mag zwar gut und vernünftig sein, aber es bewegt, ja begeistert uns nicht – es ennuyiert.“
Roland Lambrecht, „Melancholie“ (1994)

„Mein Vater war ein kluger Mann, ein studierter Mann. Er war ein Sonderling und fand sich in der Welt nicht zurecht. Als Schriftsteller, Mr. Hodgkiss, ist Ihnen dieser Typ vielleicht bekannt. Es soll ja eine ganze Reihe Bücher geben, in denen beschrieben wird, wie einer auf und davon geht, um ein Paradies in der Südsee zu suchen, eine Ecke der Welt, wo er nichts mehr mit der Zivilisation zu tun hat.“
Leon Uris, „Schlachtruf“, 1969

Ich habe meine Auswanderung bis heute nie bereut. Bin dadurch der Realisierung meiner Phantasien sehr nahegekommen. Ich bereue es bloß, mich dabei jemals auf andere verlassen zu haben, anstatt nur auf mich selbst.
Tom, Waldschrat

Obacht bei der Partnerwahl!

Verwandtschaft89

„…, wenn Sie jemals die Absicht haben, sich mit einem Indianerstamm zu verbinden, suchen Sie sich dazu den kleinsten aus, den Sie finden können. Versuchen Sie es mit den Mandanen oder Schwarzfuß-Indianern und lassen Sie sich auf keinen Fall mit den Chippeways oder Sioux ein, sonst werden Sie der Verwandtschaft Ihrer Frau sehr bald müde, die bei Ihnen ißt und alles, was Ihnen gehört, benutzt, so daß Sie kaum noch ein Recht auf Ihre eigene Person zu haben scheinen. Dreißig- bis vierzigtausend Schwäger sind für keinen Mann eine Kleinigkeit, ganz gleich, wer er ist! … Ich habe eine Chippeway geheiratet, und deren Verwandte fressen alles auf, was ich etwa verdiene. Wenn ich nicht ihre Sprache gelernt hätte, um mit ihnen einigermaßen fertig zu werden, hätten sie mir längst schon mein Holzbein abgelaust. Aber natürlich, ich verhungere nicht, ab und zu kann man sich einen neuen Hut kaufen, mehr will man ja nicht, und das genügt, um sich behaglich zu fühlen und ein wenig herumzureisen.“

Kenneth Roberts, „Nordwest-Passage“