Suzie Wong

Suzie-Wong

„Und da hatte ich zu verstehen begonnen. Ein Moment selber, in sich, konnte nie komplett sein, denn er gehörte in einen Zusammenhang der Bewegung und des Gefühls, und nur in diesem Zusammenhang hatte er Sinn; Hauptpartner aber in diesem Zusammenhang war der Schauende selbst, der jenen Moment im Licht seiner Gefühlseinstellung interpretierte, seiner Persönlichkeit, seines Wissens von der Welt. … Und während er jetzt Moira Wang zusah, wie sie Harper mit den Eßstäbchen irgendein leckeres Stück zureichte, ging ihm blitzhaft eine solche Wahrheit auf. Diese asiatischen Frauen waren von einer Fraulichkeit, die den westlichen Frauen abhanden gekommen war – die Orientalinnen widmeten sich noch ihrer Aufgabe, echtes Mannestum zur Entfaltung zu bringen, während es die Europäerinnen nur darauf abgesehen hatten, das Männliche zu zerstören. … Ich lernte von ihr soviel, wie sie von mir lernte. Unaufhörlich lernte ich von ihr – gewann durch ihre Augen einen neuen Ausblick auf das Leben.“

Richard Mason, „Suzie Wong“, 1959

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Mitten im Gewühl – keine Lösung

koan

Believing to have understood something about the essence of life Tsui-Yen left his monastery at a young age to travel through China. After many years, on his return his old master asked him:
"Tell me about the essence of life!"
Tsui-Yen answered: "When there are no clouds over the mountain the moonlight penetrates the ripples of the lake."
The master looked at his former disciple in anger: "You are getting old, your hair is grey, you have just a few teeth left and still you have no understanding of life."
Tsui-Yen lowered his eyes, tears streaming over his face. After a few minutes he asked: "Please, would you tell me about the essence of life?"
"When there are no clouds over the mountain", responded the master, "the moonlight penetrates the ripples of the lake!"

Collage unter Verwendung eines Comics von Tsai Chih Chung

Glückliche Sperlinge

Das-Tor

Das Manuskript des Dr. Folitzky

Hätte ich Bücher, die mich mit Angaben versorgten, wo mein Gedächtnis mich im Stich läßt, ich schriebe eine Abhandlung über den Einfluß eines betrachtenden Lebens auf Empfindung und Vorstellung … Doch zweifle ich sehr, ob jemand hierzulande mir Petrarcas „De Vita Solitaria" und „De Contemptu Mundi" leihen könnte oder das Gedicht über die Beschaulichkeit von Dschelâl ed-dîn Rûmi.
Um ein derartiges Werk allen Ernstes zu beginnen, müßte ich einen weitläufigen Briefwechsel mit Gelehrten und Bibliotheken einleiten, die neuesten Veröffentlichungen auf dem Gebiet geistiger Hygiene studieren und mich persönlichen Forschungen widmen, die nur dann erschöpfend wären, wenn ich den Berg des Siebenfachen Glanzes verließe. Um über das beschauliche Leben zu schreiben, müßte ich es aufgeben.
Ich werde mich daher auf die Niederschrift meiner eigenen Erfahrungen beschränken, indem ich Symptome schildere, die ich an mir selbst beobachtet habe, nicht krankhafte Symptome, sondern Erscheinungen, die eine Steigerung des bewußten Wahrnehmungsvermögens anzuzeigen scheinen … Wozu brauche ich in die Welt zurückzukehren, um staubige Bücherregale mit einem neuen Schmöker zu belasten? Weit besser tut die sanfte Ruhe auf meinem Berg des Siebenfachen Glanzes …

Daniele Varè (1880-1956), „Das Tor der glücklichen Sperlinge", 1954
Der in Rom geborene italienische Erzähler arbeitete im diplomatischen Dienst (1927-1932 in China).