Ich auch

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„It is not over … We also know, God is always in control.“
Sex-Maniac Roy Moore nach seiner Wahlniederlage in Alabama

„Ich war damals in gewisser Weise naiv. Ich glaubte, es müsse möglich sein, daß alle in Harmonie leben könnten, und meine Reaktion darauf, daß es nicht geschah, war zuerst immer das Erstaunen und dann der Protest.“
November 2012

Was ich da im November 2012 geschrieben hab – wenige Jahre vor dem finalen Erleben partnerschaftlicher Hölle – ist anscheinend typisch für mich. Das wurde mir jetzt wieder deutlich, seit all die übersensiblen Reaktionen auf erzwungenen oder auch nur Verbal-Sex auftauchen. Anscheinend lassen sich Opfer heutzutage weniger bieten, wohl auch, weil sie nun eher Schutz und Solidarität erwarten können. Daß ich meinem Vorgesetzten beim Finanzamt damals nicht spontan eine gelangt hab – eine von mehreren verpaßten Gelegenheiten – lag nicht nur an meiner Überraschung sondern auch daran, daß mir bewußt war, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die von Arschlöchern dominiert wurde. Wer Macht hatte, wurde in der Regel auch von ihr korrumpiert. An diesem biologischen Gesetz hat sich wenig geändert. Am deutlichsten in der beständigen Kette der Bundeswehr- und Polizei-Skandale. Selbst wenn das Einzelfälle sein sollten, so wird grundsätzlich ein bestimmter Typ Mann eher Soldat und Polizist als sensiblere, nämlich genau der, der für den Job auf den untersten Rängen gebraucht wird. Insofern besteht kaum Aussicht darauf, daß sich eine Gesellschaft insgesamt ändert.
Zu meinen frühen Kindheits-Erfahrungen gehört es, auf dem Schulweg von einem fetten Jungen ohne Anlaß überfallen und geschlagen zu werden. Wenn ich mich später gegen Unrecht massiv gewehrt hab, so auch, weil ich in einem sehr geschützten Ambiente aufgewachsen bin. War ich im Recht, konnte ich mich immer darauf verlassen, daß mein Vater zu meinen Gunsten eingreifen würde.
Erst in Indonesien habe ich gespürt, wie riskant es sein kann, sich zu wehren, und daß ich dabei kaum eine Chance hatte, etwas grundsätzlich zu verändern. D erscheint mir inzwischen wie eine Art Disney-Musterland, in dem sich ein Teil der Menschen immer weiter von der rauhen Welt-Wirklichkeit entfernt. Immerhin weiß man aber inzwischen schon, daß Bürgerwehren rechtlich zulässig sind.

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Zickezacke Leid-Kultur

chosin

Zickezacke juppheidi,
schneidig ist die Infantrie.
Zickezacke Barrabas,
die blaue Blume ist so naß
von Tränen und von Blut.
Zickezacke juppheidi,
begraben ist die Infantrie
unterm Fußballplatz.

Wolfgang Borchert, „Die lange lange Straße lang“

Oberst (ohne Schärfe): Ich habe aber doch stark den Eindruck, daß Sie einer von denen sind, denen das bißchen Krieg die Begriffe und den Verstand verwirrt hat. Warum sind Sie nicht Offizier geworden? Sie hätten zu ganz anderen Kreisen Eingang gehabt … Wärn ja ein ganz anderer Mensch.
Wolfgang Borchert (1921-47), „Draußen vor der Tür“

„Wolfgang Borchert hatte keine Zeit, und er wußte es. Er zählt zu den Opfern des Krieges, es war ihm über die Schwelle des Krieges hinaus nur eine kurze Frist gegeben, um den Überlebenden, die sich mit der Patina geschichtlicher Wohlgefälligkeit umkleideten, zu sagen, was die Toten des Krieges, zu denen er gehört, nicht mehr sagen konnten: daß ihre Trägheit, ihre Gelassenheit, ihre Weisheit, daß alle ihre glatten Worte die schlimmsten ihrer Lügen sind. Das törichte Pathos der Fahnen, das Geknalle der Salut-Schüsse und der falsche Heroismus der Trauermärsche – das alles ist so gleichgültig für die Toten. Fahnen, Schüsse übers Grab, Musik – dies Pathos mag berechtigt sein für jene, die sich als Einzelne freiwillig einer Freiheit opferten, für Aufrührer, denen die Geschichte so gerne ihre Torheit bescheinigt. Uns sollten Fahne, Schüsse und Musik nicht darüber hinwegtäuschen, daß unsere Brüder gestorben sind. Die Geschichte mag feststellen, daß bei X eine gewonnene, bei Y eine verlorene Schlacht geschlagen wurde, gewonnen für A oder verloren für B. Die Wahrheit des Dichters, Borcherts Wahrheit ist, daß beide Schlachten, die gewonnene und die verlorene, Gemetzel waren, daß für die Toten die Blumen nicht mehr blühen, … .“

Heinrich Böll (1955)

Foto: Tote US-Marines im Korea Krieg, Chosin Reservoir 1950, Folge der Arroganz General MacArthurs, der das Eingreifen der Chinesen nicht wahrhaben wollte.

Auf die Wände!

konotop

Jene Unsicherheit aller Nachrichten und Voraussetzungen, diese beständigen Einmischungen des Zufalls machen, daß der Handelnde im Kriege die Dinge unaufhörlich anders findet, als er sie erwartet hatte, und es kann nicht fehlen, daß dies auf seinen Plan, oder wenigstens auf die diesem Plane zugehörigen Vorstellungen Einfluß hat. Ist dieser Einfluß auch so groß, die gefaßten Vorsätze entschieden aufzuheben, so müssen doch in der Regel neue an ihre Stelle treten, für welche es dann oft in dem Augenblicke an Daten fehlt, weil im Laufe des Handelns die Umstände den Entschluß meistens drängen und keine Zeit lassen, sich von neuem umzusehen, oft nicht einmal so viel, um reifliche Überlegungen anzustellen. Aber es ist viel gewöhnlicher, daß die Berichtigung unserer Vorstellungen und die Kenntnis eingetretener Zufälle nicht hinreicht, unsern Vorsatz ganz umzustoßen, sondern ihn nur wankend zu machen. Die Kenntnis der Umstände hat sich in uns vermehrt, aber die Ungewißheit ist dadurch nicht verringert, sondern gesteigert. Die Ursache ist, weil man diese Erfahrungen nicht alle mit einemmal macht, sondern nach und nach, weil unsere Entschließungen nicht aufhören, davon bestürmt zu werden, und der Geist, wenn wir so sagen dürfen, immer unter den Waffen sein muß.

Carl von Clausewitz (1780-1831), „Vom Kriege“

schiessen

„Cossacks 3“