Zickezacke Leid-Kultur

chosin

Zickezacke juppheidi,
schneidig ist die Infantrie.
Zickezacke Barrabas,
die blaue Blume ist so naß
von Tränen und von Blut.
Zickezacke juppheidi,
begraben ist die Infantrie
unterm Fußballplatz.

Wolfgang Borchert, „Die lange lange Straße lang“

Oberst (ohne Schärfe): Ich habe aber doch stark den Eindruck, daß Sie einer von denen sind, denen das bißchen Krieg die Begriffe und den Verstand verwirrt hat. Warum sind Sie nicht Offizier geworden? Sie hätten zu ganz anderen Kreisen Eingang gehabt … Wärn ja ein ganz anderer Mensch.
Wolfgang Borchert (1921-47), „Draußen vor der Tür“

„Wolfgang Borchert hatte keine Zeit, und er wußte es. Er zählt zu den Opfern des Krieges, es war ihm über die Schwelle des Krieges hinaus nur eine kurze Frist gegeben, um den Überlebenden, die sich mit der Patina geschichtlicher Wohlgefälligkeit umkleideten, zu sagen, was die Toten des Krieges, zu denen er gehört, nicht mehr sagen konnten: daß ihre Trägheit, ihre Gelassenheit, ihre Weisheit, daß alle ihre glatten Worte die schlimmsten ihrer Lügen sind. Das törichte Pathos der Fahnen, das Geknalle der Salut-Schüsse und der falsche Heroismus der Trauermärsche – das alles ist so gleichgültig für die Toten. Fahnen, Schüsse übers Grab, Musik – dies Pathos mag berechtigt sein für jene, die sich als Einzelne freiwillig einer Freiheit opferten, für Aufrührer, denen die Geschichte so gerne ihre Torheit bescheinigt. Uns sollten Fahne, Schüsse und Musik nicht darüber hinwegtäuschen, daß unsere Brüder gestorben sind. Die Geschichte mag feststellen, daß bei X eine gewonnene, bei Y eine verlorene Schlacht geschlagen wurde, gewonnen für A oder verloren für B. Die Wahrheit des Dichters, Borcherts Wahrheit ist, daß beide Schlachten, die gewonnene und die verlorene, Gemetzel waren, daß für die Toten die Blumen nicht mehr blühen, … .“

Heinrich Böll (1955)

Foto: Tote US-Marines im Korea Krieg, Chosin Reservoir 1950, Folge der Arroganz General MacArthurs, der das Eingreifen der Chinesen nicht wahrhaben wollte.

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Auf die Wände!

konotop

Jene Unsicherheit aller Nachrichten und Voraussetzungen, diese beständigen Einmischungen des Zufalls machen, daß der Handelnde im Kriege die Dinge unaufhörlich anders findet, als er sie erwartet hatte, und es kann nicht fehlen, daß dies auf seinen Plan, oder wenigstens auf die diesem Plane zugehörigen Vorstellungen Einfluß hat. Ist dieser Einfluß auch so groß, die gefaßten Vorsätze entschieden aufzuheben, so müssen doch in der Regel neue an ihre Stelle treten, für welche es dann oft in dem Augenblicke an Daten fehlt, weil im Laufe des Handelns die Umstände den Entschluß meistens drängen und keine Zeit lassen, sich von neuem umzusehen, oft nicht einmal so viel, um reifliche Überlegungen anzustellen. Aber es ist viel gewöhnlicher, daß die Berichtigung unserer Vorstellungen und die Kenntnis eingetretener Zufälle nicht hinreicht, unsern Vorsatz ganz umzustoßen, sondern ihn nur wankend zu machen. Die Kenntnis der Umstände hat sich in uns vermehrt, aber die Ungewißheit ist dadurch nicht verringert, sondern gesteigert. Die Ursache ist, weil man diese Erfahrungen nicht alle mit einemmal macht, sondern nach und nach, weil unsere Entschließungen nicht aufhören, davon bestürmt zu werden, und der Geist, wenn wir so sagen dürfen, immer unter den Waffen sein muß.

Carl von Clausewitz (1780-1831), „Vom Kriege“

schiessen

„Cossacks 3“

Jeder stirbt für sich allein

hampelkarte

Sie kriegen es einfach nich hin. Warum sind deutsche Filme oft so bemüht, so ungenießbar hölzern und blutleer? So wie „Alone in Berlin“ (2016), immerhin eine internationale Produktion, die auf dem schon mehrmals verfilmten letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada (1893-1947) beruht. Fallada, schon schwer durch Morphium-Sucht gesundheitlich ruiniert, schrieb die Erstfassung des umfangreichen Romans 1946 in 24 Tagen. Anstoß dafür waren Akten der Gestapo über das Berliner Arbeiter-Ehepaar Elise und Otto Hampel, das nach dem Kriegstod von Elises Bruder anfing, Agitations-Karten gegen das Nazi-Regime in Berlin zu verteilen. Otto wurde dafür wegen Wehrkraftzersetzung guillotiniert, Elise starb im Gefängnis durch einen alliierten Bombenangriff. Was für eine spannende und seltene Geschichte über den deutschen Widerstand während der Nazi-Zeit. Falladas fiktiver Roman gehört zu seinen besseren Büchern, auch wenn ihm die Nazis zu Karikaturen geraten. Im Film wird dann die letzte Komplexität auf das Notwendigste reduziert, und die Bösen zu Comic-Figuren. Das verlangt offensichtlich der internationale Geschmack, weshalb ich mich oft darüber wundere, daß Deutsche hier so angesehen sind. Doch widersetz dich mal kriminellen Wilden, dann bist du gleich Nazi, Preuße und Lehrer. Im Film wird ein Polizei-Kommissar von einem SS-Offizier in dessen Büro vor Zeugen blutig geschlagen und anschließend die Treppe hinunter auf die öffentliche Straße geworfen. Eine absolut kindische Idee. Ich weiß nicht, ob sie von Fallada stammt, da ich sein Buch leider nicht gelesen habe. Schon die Eingangs-Sequenz des Films, die den Tod des Sohnes zeigt, weist eher auf ein zu knappes Budget. Wer da wen beschießt, blieb mir rätselhaft. Sehr sorgfältig wird dann das bestürzende Thema zum Kostüm-Film verseichtet, und liebevoll die Mandel-Mühle, die ich als Kind bedienen durfte, ans Fensterbrett geklemmt. Um zu mahlen, müßte man wohl das Fenster öffnen. Auch ein gerahmter Dompfaff an der Zimmerwand der Widerständler kam mir bekannt vor. Die Wohnungs-Einrichtung eher gehoben bürgerlich als proletarisch, obwohl der proletarische Hintergrund schon durch das falsche Deutsch der subversiven Karten deutlich wird. Ganz daneben dann der „Sauerkraut Sound“ der Schauspieler. Die Sprachkunst des Romans geht jedenfalls völlig verloren. Ich habe ja das Glück, hier Raubkopien ohne Synchronisation für 70Cent kaufen zu können. Leider sind Filmkunstwerke nur selten darunter. „Alone in Berlin“ ist sicher keins. Mit deutscher Synchronisation eventuell noch unwirklicher. Nur übertroffen durch das lachhafte „Deutsch“ ausländischer Schauspieler. Die Straßen-Szenen mit schönen, sehr sauberen alten Autos wie auf der Bühne. Viel wird demonstrativ mit „Heil Hitler“ gegrüßt. Eine weitere verpaßte Chance der Aufarbeitung, und so bekam der Film nur überwiegend negative Kritiken. Elise und Otto Hampel werden nicht mal im Abspann erwähnt, und auch bei Wikipaedia gibt es für sie nur eine englische Seite.

eliseottohampel

wpostkarte

Bundeswehrkraftzersetzungsfälschung