Wie die Ritter nach Hildesheim kamen

Roemer

Hildesheim war so katholisch, daß man glauben konnte, es wäre katholisch. Es war aber überwiegend evangelisch. Ein „Bistum der Diaspora“, wie Bischof Heinrich Maria Janssen anläßlich der Einweihung des wiederaufgebauten Domes im Jahre 1960 betrübt von der Kanzel verkündete. Vorbei die Zeiten, als Prozessionen von der nun evangelischen St. Michaelis-Kirche den Berg hinab zum Dom führten. Für die Einweihung, bei der Fleisch- und Knochenreste diverser Heiliger von der Kreuzkirche nicht zum Knochenhauer-Amtshaus sondern in den Dom getragen wurden, hatte der Bischof extra seine Schreibtischlampe mitgebracht.

Heinrich-Maria-Janssen

Millionen und Abermillionen gleich welcher Konfessionen – Moslems gab’s ja zum Glück noch nich – säumten die Straßen, nahmen aufrichtig Anteil, und übaschäumende Freude herrschte in der Bevölkerung, daß nun endlich nach 15 Jahren die restlichen Schnipsel von St. Godehard, des heiligen Epiphanius und der Kopf des heiligen Bernwards wieder nach Hause getragen wurden, und sie nich mehr irgendwo rumlagen. Leider beförderte man die übrichgebliebenen Bruchstücke des heiligen Bonifatius und des heiligen Viktors von Xanten nur verdeckt, sozusagen inkognito im sonst total prächtigen Zug. Was hatte man zu verbergen, hätte ich mich gefragt, wenn ich nich erst noch nich mal 12 gewesen wäre, und noch ganich ahnte, wie ich verarscht wurde. Und obwohl Papst Johannes XXIII. extra aus diesem Anlaß an Heinrich Maria geschrieben hatte: „Hier mögen die Zweifelnden und Irrenden finden das wahre Licht, die Trauernden Trost, die Ruhelosen Geborgenheit“, fand ich Irrer es dort auch später nich.

Dom-62

Doch immerhin hat die seitdem wiederaufgenommene allwöchentliche Friedensmesse und die ständige, betende Wache von Frauen und Müttern vor dem Tabernakel in der Krypta des Domes dazu geführt, daß wir Bundeskanzler Adenauer, den anwesenden Bundesvertriebenenminister Prof. Dr. Oberländer („prominentes Beispiel für das Phänomen der personellen Kontinuität der Eliten im NS-Staat und der Bundesrepublik“), einen Vertreter des evangelischen Landesbischofs Hanns Lilije („Lilje war ein überzeugter Nazi. Der Zweite Weltkrieg war ein Heiliger Krieg. Sein Motto: Händchen falten, Köpfchen senken, und an Adolf Hitler denken.“), dessen eine Enkelin ich später durch göttliche Verfügung heimlich küssen durfte, Herzogin Viktoria Luise, Welf Heinrich Prinz von Hannover und die DDR loswurden. Anwesend waren u.a. auch der Befehlshaber im Wehrbereichskommando II, Generalmajor Siewert, Freiherr von Linden von der Bundesgrenzschutz-Verwaltung, Oberstaatsanwalt Dr. Topf und 21 Mitglieder der Niedersächsischen Provinz des Ritterordens vom heiligen Grab nebst einigen Malteser-Rittern. Also all die staatstragenden Irrenden und Schuldiggewordenen, über die der Papst geschrieben hatte, und die jetzt schon längst in der „ewigen Heimat“ sitzen. „In einer zusehends formloser werdenden Welt benötigen wir heute mehr denn je eine Rückbesinnung auf, und vor allem eine Erneuerung des abendländischen Ursprungsideals, wenn wir unsere Identität nicht verlieren wollen“, meinen die lebenspendenden Byzantiner. Jedoch breitete sich in mir bald danach das Gefühl aus, daß es durchaus gesund sein könnte, einige Aspekte dieser Identität zu verlieren.

Hubbuch-Mirakel

Karl Hubbuch (1891-1979), „Mirakel“, um 1924, Lithografie, Ausschnitt
(Evangelische Stürmer schießen auf das Tor der Katholiken, doch wird der Ball vom Engel gehalten.)

Bühnenbild

Stadtmauer-Hildesheim 58

„Der Begriff der Restaurierung und die Sache sind beide modern. Ein Gebäude restaurieren heißt nicht, es zu erhalten, zu reparieren oder es wieder aufzubauen; es bedeutet, es in einen Zustand der Vollkommenheit zurückzuführen, der möglicherweise zuvor nie existiert hat. Wir haben gesagt, daß das Wort und die Sache modern sind, und tatsächlich hat in vergangenen Zeiten keine Kultur, kein Volk Restaurierungen unternommen, wie wir sie heute verstehen.“
Eugène Viollet-le-Duc, „Die Idee des Denkmals“, 1865

vor-Wernerhaus

Hildesheim, die Stadt, in der ich überwiegend aufgewachsen bin, muß einstmals eine schöne Stadt gewesen sein. Der Feuersturm vom 22. März 1945, ausgelöst durch alliierte Bomber, ließ davon wenig übrig. Durch die Reste, wie hier vor dem Wernerhaus (Renaissance 1606), bewegte ich mich jeden Tag unterwegs zur Schule, und ich schätzte sie schon damals.

Marktplatz-Hildesheim-nachher

Zu spät erkannte man den ästhetischen Verlust im Wiederaufbau mit lieblosen Allerweltsbauten und begann – wohl auch durch die Restauration des Frankfurter Römerbergs angeregt – den alten Marktplatz zum Teil nach briefmarkengroßen Fotos mit Kopien der alten Bauten sorgfältig wiederherzustellen. Dies blieb nicht ohne Widerstand der Puristen, denen ein verschwundener Bau lieber ist, als eine Kopie. So beklagte Peter M. Bode in seinem Artikel „Durch Stadtkosmetik zum handgeschnitzten Disneyland“ („art“ 4/1986) das neue „Bühnenbild“ eines „potemkinschen Hildesheims“ zeige in den Gebäuden nicht die alten Proportionen. „Gute zeitgenössische Architektur, die ja auf Historisches durchaus sensibel reagieren kann, wäre in jedem Fall angebrachter gewesen.“ Wie das auszusehen habe, blieb offen. Sicher ist, daß auch die sensible Synthese immer umstritten ist – wie ich das selbst erfahren habe. Bode kritisierte, der Marktplatz sei „kein Ort mehr für Handel und Wandel, sondern nur noch eine Behörden-Freifläche“. Markt war dort mindestens 2x in der Woche, und als ich das letzte Mal die Kopie des 1529 erbauten Knochenhauer-Amtshauses besichtigte, das schon Viollet-le-Duc, Fürsprecher rekonstruierender Denkmalpflege, überschwenglich pries (Er kenne kein Gebäude auf dem ganzen Erdkreis das jenem „an Schönheit, Kraft der Konstruktion und Ornamentation“ gleichkäme.), wimmelte es dort von Touristen, und der Platz war lebendig wie nie.

Marktplatz-Hildesheim-vorher

Schwarzer

Warnung: Ein trauriger Brief!

Ernaehrung

2.7.64 21:45
Liebe Mutti!
Da ich hoffe, daß es Dir gut geht, kann ich gleich zu den neusten Nachrichten übergehen. Gestern habe ich Herrn Fröchtling in Mathematik auf die Sprünge geholfen. Sein Sohn wußte noch besser Bescheid. Dafür hat uns Frau Wulf auch einen Pudding gemacht. Jetzt haben wir drei Püddinger und essen sie jeden Abend zu Stachelbeer-Kompott. Die Lage ist hier ziemlich dreckig, aber wir fühlen uns trotzdem ganz wohl. Ich habe gerade abgewaschen und verwende meine letzten Mußestunden, um diesen Brief zu schreiben. Ein Hausmann hat es doch schwer.
Es gibt öfter Futterschwierigkeiten (Hundefutter!). Binki ißt zu viel. Dabei lungert sie immer noch in der Küche herum, und wenn etwas aus der Pfanne fällt, was nicht selten ist, kann man es nicht schnell genug retten. Sie wird nie satt. Papi hat immer Erbarmen, und dann reicht das Futter nicht. In der Küche hängt überall Sauerkraut, und es riecht auch entsprechend. Aber sonst ist alles in Ordnung.
Da ich jetzt Ferien habe, arbeite ich etwas mehr im Haushalt. Manchmal kommt es zu Spannungen mit dem Oberkoch, weil ich nur soviel tue, daß ich gerade satt werde. Nichtsdestowenigertrotz war ich heute beim Friseur (ein Lichtblick). Ich bezahlte mit 20,-DM. Er sagte, „Stimmt so!“ und lachte sich halb tot.
Unser Speisezettel:
Makkaroni mit oder ohne Salz, gekocht oder gebraten, mit Ei
Kartoffelpflinsen, groß oder klein
Bratskartoffeln, mit oder ohne Salz, mit Ei
Stachelbeer-Kompott, mit Pudding oder Vanillesoße
Suppen: Ochsen- oder andere Schwänze
Ich wollte Dir eigentlich noch die Zecke mitschicken, die ich Binki heute aus dem Ohr gezogen habe, aber nachher hat der Brief Übergewicht. Ich habe sie dann gebraten.
Mehr darf ich nicht schreiben, sonst bekomme ich Ärger mit der Zensur.

Gruesse