Der heilige Barbar

wasserfallhut

Die Texte von Alan Watts (1915-73) haben mich lange Zeit begeistert, und wenn mich ein Kollege nicht darauf hingewiesen hätte, wie Watts sich als Alkoholiker selbst ruinierte, wäre ich vielleicht genauso wenig zu einer kritischen Rezeption seiner Lehre gelangt, wie gegenüber dem Zen-Buddhismus überhaupt, wobei mir Prof. Brian Victoria half. Daß Watts auf den begeisterten Nazi Karlfried Graf Dürckheim reinfiel, den er in seinem biographischen Buch „Zeit zu leben“ (1972) als „echten Edelmann“ charakterisiert, und Daisetz Teitaro Suzuki als „erleuchtetsten Menschen“, wollen wir ihm nachsehen. Diesen Gauklern sind viele auf den Leim gegangen, die einfach nicht über deren biographische Details informiert waren. Aber die brutale Kongenialität des im Zen fundierten Samurai-Kults zum Faschismus hätte uns eigentlich alle abstoßen müssen. Auch schloß der durchaus vergleichbare Verrottungsgrad westlicher und östlicher Religionen ein einfaches Ersetzen von Popen durch Gurus aus. Doch waren wir genauso wie ein Japaner vom Katholizismus zeitweise vom „Duft“ des Buddhismus berauscht.
Mit Recht darf man wohl fragen, welche Verhaltensweisen wir einer Lehre entnehmen können, die selbst Watts nicht aus der sinnlichen Verstrickung mit Drogen geholfen hat. Dieses Problem – „Wie kann er ein echter Mystiker sein, wenn er so nikotin- und alkoholsüchtig ist?“ – beurteilte er als zu idealisierte Vorstellung von einem „Mystiker“. Sein großes Verdienst ist es vielmehr, westlichen Suchern eine befreiende Synthese mit östlicher Kultur aufgezeigt zu haben, wobei für ihn weder Vergangenheit noch Zukunft von Bedeutung waren, vielmehr nur das „Jetzt“, was wir im Augenblick praktizieren. Literatur sollte man nicht studieren sondern genießen. Das Spiel mit Worten in Philosophie, Theologie und Psychologie hilft da nicht weiter – erklärte Watts mit vielen Worten – sondern er setzte praktische Erfahrung weit über leeres Gerede. Hier wird er auch ganz konkret, indem er z.B. über Musik, Kleidung, Wohnen, Gärten und Naturschutz schreibt – auch wenn er sich dabei in Anachronismen verirrt, etwa, es sei „höchste Zeit, das wir zum Animismus zurück- und vorwärtsgehen“. Außerdem besitze er, der sich gerne seiner wohlklingenden Stimme rühmte, „ein Gefühl für rituelle Magie“. Und wenn man es zum Esoterik-Star geschafft hat, funktioniert die propagierte freie Liebe auch viel besser – jedenfalls für ihn.
Der ehemalige Priester sah die Lebensform eines Yamabushi, eines japanischen Bergeinsiedlers, als Ideal, auch wenn seine tatsächlichen Aktivitäten davon schon aus kommerziellen Gründen erheblich abwichen („Ich kann überall leben, wenn ich nur einen Flughafen in erreichbarer Nähe habe.“). Doch mit Sicherheit nicht jene schwulen Organisationen, die die Welt über Heterosexualität belehren: „Wenn Gott das Wesen wäre, das die meisten Christen in ihm vermuten, würde er vor Langeweile aus der Haut fahren, wenn er sich ihr Gewinsel und ihre Schmeicheleien, ihre überflüssigen Bitten und Ermahnungen anhören müßte, gar nicht zu reden von den schwachsinnigen, nach faden Melodien vertonten Gedichten, die ihm als Hymnen dargebracht werden … Es sind jammervoll pompöse, moralistische, infantile, weinerliche Lieder.“
Spätestens wenn der junge Mensch bei der Konfirmation merkt, wie absolut nichts passiert, und er nichts fühlt, ensteht der Verdacht, von einem System um sein Leben betrogen zu werden, das bereits mit toten Ritualen im Zerfall begriffen ist. Den Jugendlichen der 60er Jahre zeigte eine aufkommende Gegenkultur mit ihrem geistigen Zentrum in San Francisco, daß es durchaus noch sinnvolle traditionelle Inhalte gab, die jedoch im Westen unter dem Müll einer konsumorientierten Moderne wie verschüttet lagen. Dabei wurde Buddhismus nicht mehr als eine Religion der Unterwerfung angesehen, auch wenn der autoritäre Drill in Zen-Klöstern genau das produziert: „Zu viel Za-zen verwandelt einen Menschen leicht in einen Buddha aus Stein.“
Wie für mich waren LSD („Hängt das Telefon ein, wenn ihr die Nachricht bekommen habt.“) und Kyoto wesentliche Erfahrungen, die das weitere Leben veränderten. Wenn man verdrängt, daß die Japaner ihre eigene Kultur nicht begriffen haben, so war es für Watts das Rauschen des Regens während des Aufenthalts im traditionell japanischen Ambiente, das ihm sinnvoller als der Akt der menschlichen Verständigung erschien. Es „bedarf keiner Übersetzung“. Ich dagegen habe das Rauschen eines Wasserfalls aus einem Teehaus in den Bergen Kyotos importiert und höre es hier nun Tag und Nacht. „Wenn man in der Nichtigkeit gründet, ist die Lust zu leben erstaunlich groß.“

Foto: T’ang Yin (1470-1524), „Einsiedlerhütte am Wasserfall“ (Ausschnitt)

Yasunari Kawabata

Wasserkocher

„Sie saß in ihrem Wohnzimmer. Ihr Kimono war vor der Brust weit auseinandergeschoben. Mit einer kleinen Schere schnitt sie sich Haare von einem Muttermal ab, das handgroß ihre linke Brust zur Hälfte bedeckte und fast bis an den Hals reichte.“
Mit dieser Beobachtung eines kleinen Jungen beginnt die Erzählung „Tausend Kraniche“ von Yasunari Kawabata (1899-1972) den befremdeten westlichen Leser in eine ihm unbekannte Ästhetik hineinzuziehen, in der die Tee-Zeremonie eine bedeutende Rolle spielt. Bei dieser Zeremonie handelt es sich um eine Ästhetisierung des Lebens, die intellektuelle Betrachtungsweise und sozialen Rang ausschließt, stattdessen spontane Übereinstimmung mit Natur und Schönheit im Tee-Haus zu erzeugen versucht. Die dabei benutzten traditionellen Gegenstände werden von Kawabata mit Gefühlswerten aufgeladen und sind doch letztlich nur Ausdruck einer untergehenden Kultur und der Dämonen, von denen die handelnden Personen besessen und gepeinigt werden. Die kostbar-antiken Teeschalen und anderen Gebrauchs-Geräte, in Japan mit unvorstellbaren Preisen gehandelt, werden dabei zu Erinnerungs-Stücken an die Personen, die sie benutzten, etwa ein vermuteter Lippen-Abdruck: „In der weißen Glasur schimmerte ein zartes Rot. Es verlangte Kikuji, die kühle und doch warm glänzende Oberfläche zu berühren … War es diese Stelle, die sie immer mit ihrem Mund berührt hatte?“ Um sich vom Bann der Dämonen zu befreien, muß sogar eine Tee-Tasse zerschlagen werden: „Es ist wohl eine Lieblingstasse Ihres Vaters gewesen, und er hat sie auf Reisen nicht missen wollen. Es ist eine Schale, die ihrem Vater ähnlich ist.“ Kawabata erklärte sich dagegen, seinen kurzen Roman als Schilderung der Kunst des Tees zu verstehen, „denn er ist eher ein kritisches Werk, in dem ich mich gegen die erniedrigende Form verwahrt habe, zu der diese Kunst heutzutage herabgewürdigt wird“.
Die ästhetische Störung, das Muttermal, ist gleichzeitig Hinweis auf Brüche im Charakter einer Teezeremonie-Lehrerin und in den gesellschaftlichen Konventionen: „Ich hätte meinem Kikuji nicht meine Brust mit einem Muttermal reichen mögen“, äußert sich die Mutter des Jungen, die nicht weiß, daß die Frau kurzzeitig Konkubine ihres verstorbenen Mannes wahr. Der erwachsene Sohn, von der Ex-Konkubine in den Engakuji-Tempel in Kamakura eingeladen, phantasiert darüber, ob sein Vater vielleicht in das Mal mit den Fingern gezwickt oder sogar hineingebissen habe. Es verfolgt ihn seit seiner Kindheit: „Im Geist sah er den Vater, wie er mit schmutzigen Zähnen in das Muttermal auf Chikakos Brust biß; und diese Gestalt seines Vaters hatte etwas mit ihm gemein.“ Die haßerfüllte Tee-Meisterin versucht erfolglos in Kikujis Leben einzugreifen, der sich wiederum mit einer, von seinem Vater wirklich geliebten, fast 20 Jahre älteren Konkubine einläßt, die in ihm Erinnerung sucht und sich schließlich umbringt, damit sich Kikuji um ihre Tochter kümmert: „Yukikos Augen und Wangen waren Kikuji so gestaltlos wie das Licht der Sonne; Chikakos Mal hingegen, das von der Brust bis an den Hals reichte, war ihm so leibhaftig wie eine Kröte.“
Kawabatas Meister-Erzählung endet plötzlich und offen. Sicher erscheint nur, wie das Böse erhalten bleibt.

Zen und die Kunst, den Kopf zu verlieren

Für deutsche Manager werden Seminare wie „Traditionelles japanisches Sitzen in Kraft und Stille“ angeboten. An einem Wochenende sollen sie lernen, Ballast abzuwerfen und Entspannung zu finden. Grundlage ist der Zen-Buddhismus, der schon Heinrich Himmler begeisterte, obwohl die Welt dadurch nicht wirklich stiller wurde – im Gegenteil. Mit der durch Zen erreichten Gelassenheit können Praktizierende ALLES erreichen: Wie man jemanden auf’s Kreuz legt, wie man ihn mit einem Pfeil erschießt oder ihm ordentlich den Kopf abschlägt. Eigenartig ist, daß sich die „pragmatische, kritische und weltzugewandte Haltung, Merkmale, die Entscheidungsträgern der Wirtschaft entgegenkommen müßten“, ausgerechnet in Japan nie durchgesetzt hat, stattdessen versuchen Japaner immer noch, die Pazifik-Region zu ruinieren, und schon 1996 hatten japanische Denkmodelle nur noch Schrottwert. Ein sicherer Erfolg sind solche Kurse jedoch für die Veranstalter.

richtiger-Hieb