Schräge Paare

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„Uns begnügen süße Diebstäle, welche im Wohlgefallen reich machen, gegen die einzige eitele Ehre, so ein peinliches, und übrigens einbildliches Gut ist. Die mit neuen Liebhabern versuchten Wollüste werden uns angenehm, weil ein einziger Ehemann, so allezeit derselbe bleibet, uns allzusehr verdrießlich ist.“
Ferrante Pallavicino, „Der geplünderte Postreuter“

Arthur Miller und Marilyn Monroe waren auch so ein schräges Paar. Der Intellektuelle und das schöne Dummchen. Mein Typ war sie nie. Sie erschien mir völlig künstlich. Soll man besser ähnlich oder gegensätzlich sein? Für mich war das klar: Ich brauchte mich nicht verdoppeln, ich wollte den Kontrast, die Ergänzung im Partner. Erst Djingel-djangel, Schwarz UND Weiß ergeben die Einheit – oder heben sie sich auf und machen aus der Ehe eine Null-Summe? Theoretisch lernt man voneinander, und jeder tut das, was er am besten kann. In D habe ich meine Frau dominiert, weil sie z.B. mit deutscher Bürokratie nicht umgehen konnte. Und wenn ich dabei wirklich autoritär gewesen sein sollte („Damals, vor 25 Jahren, so eine abfällige Bemerkung …“), so stände das im starken Gegensatz zu meiner Sozialisation und meinen Überzeugungen. Hier in Indonesien hat sie dann MICH dominiert, manchmal wie ein Kind und am Ende wie Dreck behandelt. Das Spiel wäre also ausgeglichen. Wenn natürlich ein Atheist auf eine Betschwester trifft, knirscht es. Kurz bevor ich ihre letzten und übelsten Betrügereien entdeckte, gestand mir meine Frau, wie sie ab und zu bete – die größten Minahasa-Betrüger sind dabei am aktivsten. „Zu wem?“ fragte ich entsetzt. Das ist ihr anscheinend gar nicht klar, aber wahrscheinlich richtet sie sich dabei aktuell nach Zypern aus. Arthur Miller hatte auch Pech. Vorhersehbares. Er schätzte wie ich das Landleben, und als Marilyn nach der Scheidung noch einmal erschien, um ihren Fersehapparat abzuholen, bemerkte sie an verschiedenen landwirtschaftlichen Geräten, daß Arthur offensichtlich die Absicht hatte, dort in Connecticut zu leben und 6000 Fichten, Tannen und Obstbäume auf einem kahlen Hang zu pflanzen: „Sie war auch jetzt noch das Kind und das Opfer. Die alten Ermahnungen regten sich wieder in mir, aber ich nahm mich zusammen und schwieg. Trotz dieser zerfetzten alten Flaggen, mit denen wir uns Zeichen gaben, kamen wir uns vermutlich beide irgendwie albern vor, als wir uns zum Abschied zuwinkten, während der Wagen die Auffahrt hinunterfuhr. Die Biegung hatten wir vor fünf Jahren gemeinsam mit dem Architekten abgesteckt. Ich blieb allein zurück, starrte auf die winzigen Steine im Asphalt und dachte daran, wie unglücklich sie gewesen war, daß wir nicht das elegante Knirschen von Kieselsteinen unter den Reifen hören würden, das sie aus Kalifornien kannte. Hier schneite es, und die Schneepflüge hätten sie Winter für Winter auf die Straße hinausgeschoben. Aber natürlich konnte man immer wieder neuen Kies bekommen. Damit hatte sie recht. Man konnte neuen Kies haben, wenn einem die Verschwendung gleichgültig war. Ich ging ins Haus zurück, und der Streit in mir ging weiter. Nichts ist jemals zu Ende.“

Arthur Miller, „Zeitkurven“, 1987

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Voll im Suff

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Am liebsten hätten die Kommunisten in ihrer Gründungsphase auch die freie Liebe verboten, denn nichts sollte die Energien für den Klassenkampf absorbieren. Zumindest mit dem Kampf gegen den Alkoholismus haben sie es erfolglos versucht. 1907 waren etwa 12% der Bevölkerung des Deutschen Reichs Alkoholiker. Alljährlich landeten ~5000 Alkohol-Wahnsinnige in den Irrenhäusern. Doch scheiterte man in der Konfrontation an der Macht der konventionellen Trinksitten. Bis heute wird der mißliebig, der den Mut hat, bei den dafür vorgesehenen Gelegenheiten keinen auszugeben. Selbst im akademisch besetzten Lehrerzimmer – was mir als überzeugtem Außenseiter schnurzegal war. Mein Moordorf erreichte mit seinen Suff-Festen sogar mediale Berühmtheit. Die deutsche Sprache soll allein 190 Ausdrücke und Bezeichnungen für Trinken und Betrunkensein aufweisen. Und so wollten auch die Führer der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung von einer Bekämpfung des Alkoholismus nichts wissen. Man war vielmehr der Ansicht, das Wirtshaus sei bedeutend für das politische Leben des Proletariats und sah die Temperenz-Bewegung als Gefahr für den Emanzipations-Kampf an. Die „Leipziger Volkszeitung“ schrieb 1905, daß Alkohol-Genuß dem erwachsenen arbeitenden Menschen Anregung und Frieden, körperliche und geistige Elastizität gäbe. Das Problem lag aus Sicht der Sozialdemokraten in den ungünstigen gesellschaftlichen Verhältnissen. Mit deren Verbesserung in einer fernen Zukunft würde auch das chronische Saufen aufhören. Während selbst die Bourgeoisie an Gegenmaßnahmen arbeitete, in dem sie z.B. den Zusammenhang zwischen Suff und Arbeits-Unfällen erkannte, schmetterten die Sozialdemokraten alle diesbezüglichen Anträge ab, und Parteiführer setzten sich demonstrativ vor ihr Schnapsglas. Erst nach Branntweinsteuer-Erhöhungen versuchte der Leipziger Parteitag 1909 seine Mitglieder erfolglos zum Alkohol-Boykott zu motivieren. Stattdessen standen Partei-Lokale, Volks- und Gewerkschafts-Häuser völlig im Zeichen des Alkoholismus. Bis heute ist das Leben in D in all seinen Formen ohne Alkohol nicht mehr denkbar, und es ist bisher nicht gelungen, eine rationale Drogen-Gesetzgebung in Kraft zu setzen, die dem bereits etablierten Kulturwandel Rechnung trägt:
Der Erkenntnis, daß keine Verbesserung der Lebens-Verhältnisse mit dem Mehrwert des Drogen-Rausches konkurrieren kann. Um dem zu begegnen, müßte eine völlig veränderte (gesamtgesellschaftlich utopische) Lebenseinstellung wirksam werden.
Daß der Genuß der nicht minder traditionellen Hanf-Produkte erheblich harmloser (und billiger) ist als Alkohol. Man also nicht die gefährlichere Droge gesellschaftlich sanktionieren und die harmlosere verbieten kann, ohne auf dem irrational-autoritären Niveau eines Entwicklungslandes zu verharren.

Zur Fotografie eines Konfirmanden

Konfirmation

Da steht er nun, als Mann verkleidet,
und kommt sich nicht geheuer vor.
Fast sieht er aus, als ob er leidet.
Er ahnt vielleicht, was er verlor.

Er trägt die erste lange Hose.
Er spürt das erste steife Hemd.
Er macht die erste falsche Pose.
Zum ersten Mal ist er sich fremd.

Er hört sein Herz mit Hämmern pochen.
Er steht und fühlt, daß gar nichts sitzt.
Die Zukunft liegt ihm in den Knochen.
Er sieht so aus, als hätt’s geblitzt.

Womöglich kann man noch genauer
erklären, was den Jungen quält;
Die Kindheit starb; nun trägt er Trauer
und hat den Anzug schwarz gewählt.

Er steht dazwischen und daneben.
Er ist nicht groß. Er ist nicht klein.
Was nun beginnt, nennt man das Leben.
Und morgen früh tritt er hinein.

Erich Kästner (1899-1974)

vor Michaelis

https://tomschrat.wordpress.com/2013/01/05/wirkungslos/
https://tomschrat.wordpress.com/2013/01/07/geschenke-zur-konfirmation/