Heimgekehrt

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Liebe Mutter, lieber Herr Strauß!

Hier sitze ich nun wieder an meinem Schreibtisch, mit 79kg deutlich 5kg abgemagert, aber relativ glücklich. Wie schön es sein kann, Familie und Heim zu haben, lernt man bei solchen Gelegenheiten erst richtig zu schätzen. Leider hält das meist nicht an. Insofern hat die ganze Plage auch ihre positiven Seiten.
Meine Wunde ist zwar noch nicht richtig zu, ich brauche aber nicht zur Ambulanz oder zum Hausarzt, weil ich ja bekanntlich die Axt im Haus habe, wie sich der Arzt ausdrückte (ein Grieche und Schlächter), der mich operiert hat. Den Professor hab ich zum Schluß noch mal ein bißchen in die Luft gehen lassen, in dem ich bewußt provozierend frohlockte, daß ich ja nun wieder Moderattfahn könne. Das verstehe er überhaupt nich, was daran so faszinierend wäre, schimpfte er. Sie hätten hier dauernd die Unfälle zu bearbeiten. Beine wieder rannähen usw..
Nun habe ich zwar vorgezogene Ferien, kann aber meine Bauchmuskulatur noch nicht so einsetzen, wie es nötig wäre, um die Arbeiten zu erledigen, die sich hier aufgestaut haben. Aber sonst fühle ich mich geradezu wiedergeboren.
Schönen Gruß auch von Yanto und meiner Oberschwester

Medication waltz und Traumata.
Nach der Operation, Wiederkehr – wie neu geboren.
Spinnweben wehen im Wind.
Gelbgrünes Licht.
Zuhause der schlafenden Schönheit,
habe ich dich je verloren?
Eines Tages wird es so sein.

Un wat secht Schiller dazu?

Über aller Not erhaben
stehn, obwohl umdroht vom Tod,
die sich selbst errettet haben
aus der Seele bitt’rer Not.

Wattn Gedicht!
Aber Adermann iss nich gekommen.

N wie ND

Grüße aus Ostbalin

Ostberlin

Liebe Mutter, lieber Herr Strauß!

Ich werde am 2.7. auf jeden Fall abhauen, denn die Wunde ist heute zugeklebt worden, und es reicht mir auch. Heute wollten sie mich zum 3.Mal verlegen. Ich habe mich aber geweigert und jetzt einen neuen Nachbarn bekommen, der TV und Telefon gleich auf seinem fahrbaren Nachttisch mitgebracht hat. Als ich meinen Mittagsschlaf halten wollte, klingelte sein Telefon. Wenn das so weitergeht, könnte es sein, daß ich schon morgen spontan gehe. Gestern war ich schon mal heimlich abgehauen und hab zuhause den Wasserfilter ausgetauscht. Ihr seht, es geht mir prächtig.

M wie Mondschaf

Jetz hätt ich doch fast die Sache mit den Mondschafen vagessen. Also das war so:
Rudi hatte Schafe, un die warn sehr undiszipliniert. Konnter machen, was er wollte, die gingen imma durche Zäune, sogar mit Elektrozaun warn se nich aufzuhalten, diese Schafe. Das wurde Rudi zu dumm. Also hat er ihnen Draht ummen Kopf gewickelt un hat die Enden hochstehn lassen. So bekamse am stromführenden Draht ordentlich einen gewischt – und sahen aus wie Mondschafe.
So war das.

Saluti

Liebe Mutter, lieber Herr Strauß!

Heute nach dem Bad wurde wieder Eiter in der Tiefe der Wunde entdeckt, was bedeutet, daß ich wohl frühstens Ende der Woche zugenäht werde. Also noch ein langer, nervtötender Aufenthalt, obwohl es mir sonst gut geht.

L wie Lepra

Am letzten Abend vor meiner Entlassung dachte ich, es wär nun alles überstanden. Jetzt würde ja wohl nichts Besonderes mehr passieren. Aber iss nich. Ich stieg gerade aus dem Bett, um mich zu waschen und dann meinen Zackennivellierer Nr.5 zu nehmen. Da geht, ohne vorherige Klopfgeräusche, gaanz vorsichtig die Tür auf. Rein schleicht, quält sich auf Krücken Quasimodo, klein, Hasenscharte, Brille auf der miβgestalteten Nase. Ich hatte gerade bei Egon Erwin Kisch über mexikanische Leprakranke, ihre unförmigen Nasen und die Berührungsangst des Reporters gelesen.
Quasimodo humpelt rein, sieht sich vorsichtig um. Ich staune ihn fragend an.
„Wie geht’s ihm denn?“ Er meint den schlafenden, durch die Narkose noch nicht ganz klaren Tamponade-Neubauer.
„Ja, so, iss noch etwas betäubt.“
„Betäubt? Wieso?“
„Ja, iss operiert.“
Quasimode, der sich immer noch nicht vorgestellt hat, humpelt auf mich zu.
„Wann?“
„Na, heute nachmittag.“
Der Glöckner, der mir immer noch ein Rätsel ist, den ich noch nie auf Station 7 gesehen habe, wo jede Menge kaputte Därme rumlaufen, müβte jetzt eigentlich wieder raustorkeln oder sich irgendwie erklären. Stattdessen kommt er ganz nah an mich ran – ich weiche kaum merklich zurück, will ja kein Lepra kriegen – und stöβt mit Hasenscharten-Slang schnell und schwer verständlich hervor:
„Issn Arbeitskollege von mir.“
„Achso!“ Das ist die Gelegenheit, den Kopf von Neubauer zu trepanieren.
„Wo arbeiten Sie denn?“
„Munster, Standortverwaltung.“
Nu iss alles klar. Nu brauch ich mir über Neubauer und Quasimodo keine Gedanken mehr zu machen und kann in Ruhe schlafengehn – wenn uns der späte Gast wieder verlassen würde. Aber noch ist es nicht so weit, Neubauer ist nämlich inzwischen aufgewacht und nu geit los. Erst fachsimpeln sie über Computerprogramme für die Standortverwaltung, dann über die verschiedenen Krankheiten der Kollegen.
Ja, was willste anners erwarten vonne Bunneswehr? George Grosz hat das alles schon gemalt, was die „Stützen der Gesellschaft“ so im Kopp ham. Willste vonne Bunneswehr etwa rücksichtsvolle Männer erwarten? Da halt ich es doch lieber mit Werner Fink, der meinte, 12 Soldaten würden reichen für jedes Land. Die würden dann beim Weltsicherheitsrat abgegeben und würden dort unser Kontingent darstellen. Von oben bis unten behängt mit Waffen, damit sie auch wirklich alle Emotionen, Projektionen und Nationalgefühle auf sich vereinigen könnten, sozusagen symbolhaft für die ganze Geschichte. Abends könnten sie dann ja die Waffen wieder abgeben, damit kein Unglück passiert. Aber Fink hatte doch Bedenken, ob das in Deutschland so funktionieren würde, weil man ja mit deutscher Gründlichkeit, die uns stets am Humor hindert, für jeden der 12 einen Ersatzmann haben müβte, falls einer mal krank wird oder stirbt. Und deshalb würden dann überall in Deutschland, in jedem Kreis Ersatzmänner ausgebildet. Ja, und dann wären wir wieder da, wo wir jetzt auch schon sind.
Quasimodo humpelt raus.

Aufgeschlitzt und zugenäht, wieder aufgeschlitzt und offen gelassen. 18 Tage in Techno-Town.
It is not every fish, who wants to fly“, schreit Schwitters aus dem Hörschlauch.
Nun bin ich gelandet.
Und das Leben fängt neu an.
Als Kurt Schwitters nur noch 3 Monate zu leben hatte, arbeitete er an der gröβten Plastik seines Lebens.
„I have so little time.“