Schwüle Sachlichkeit

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„Die heldische Sachlichkeit, verknüpft mit einem nordischen Schönheitsideal, wird der Untergrund eines neuen Zeitalters der bildenden Kunst in Deutschland sein – oder die bildende Kunst wird auch weiterhin zwischen südlichem Formalismus und asiatischer Chaotik hin und her schwanken.“
Thilo von Trotha, „Die völkische Kunst“, 1934

Als ich im letzten Jahr vor der Paulskirche in Frankfurt stand, wußte ich nicht, von wem der edle Nackte stammte, der sich dort aus Bronze gen Himmel reckte. Ich kannte diesen Ramsch, der sich bruchlos durch die Nazi-Ära bis in die Nachkriegszeit fortgesetzt hatte. Es versöhnte mich nur die Synthese des abgedroschenen Ideals mit den realen Säufern, die unter dem Kunstwerk ihren Rausch ausschliefen. So kam auch die Wirklichkeit zu ihrem Recht und relativierte das formal von jeglichem sozialen Bezug entkleidete Kultur-Produkt. Zufällig stieß ich jetzt wieder auf die Querverbindungen zwischen den zurückgewiesenen oder sogar verfolgten Künstlern und ihren Werken, die sich durchaus nicht immer wesentlich vom offiziell geforderten Stil unterschieden. Wenn sich auch die meisten Deutschen nach 45 von der faschistischen Politik abwandten, in der Kunst blieben die alten Vorurteile massenhaft erhalten. In seiner Rede auf der Kultur-Tagung des Reichsparteitages 1935 in Nürnberg erklärte Hitler, „daß es nicht Aufgabe der Kunst ist, den Menschen an seine Degenerationserscheinungen zu erinnern, als vielmehr den Degenerationserscheinungen durch den Hinweis auf das ewig Gesunde und Schöne zu begegnen … Man bleibe uns auch mit dem Einwand vom Leibe, daß die Kunst die Aufgabe besitze, der Wirklichkeit zu dienen und mithin in den Kreis ihrer Betrachtung und Wiedergabe nicht nur das menschlich Angenehme, sondern auch das Unangenehme, nicht nur das Schöne, sondern auch das Häßliche stellen müsse … Es ist nicht die Aufgabe der Kunst, im Unrat um des Unrats willen zu wühlen, den Menschen nur im Zustand der Verwesung zu malen, Kretins als Symbol der Mutterwerdung zu zeichnen und krumme Idioten als Repräsentanten der männlichen Kraft hinzustellen.“
Damit traf Hitler nicht nur den Zeitgeist, genauso wird es bis heute von vielen empfunden. Und so konnte es zu der Geschmacklosigkeit kommen, daß ausgerechnet der gottbegnadete Mitläufer Richard Scheibe – zu dessen Kunden Hitler gehörte – ausersehen wurde, das Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944 im Bendlerblock Berlin zu liefern, das sich allenfalls in Nuancen von der Propaganda-Kunst des 3.Reichs unterscheidet. Antikisierendes Bodybuilding, deutsches Schamhaar, lächerlich verdrängte Homo- und sonstige Erotik – das lieferte auch Georg Kolbe (Foto oben; Stralsund, 1935) überreichlich. Und mein vages Unbehagen klärte sich, denn das Paulskirchen-Denkmal ist von Scheibe, da man diese nackten Stereotypen einfach für alles verwenden kann, auch für Sozialdemokraten. Wie man konkret Wirklichkeit darstellt, ohne sie durch ideale Schönheit zu harmonisieren und zur „Kunsthure“ (Heartfield/Grosz) zu werden, zeigte Siegfried Neuenhausen 1971 mit seinem „Denkmal für Joao Borges de Souza“, mit dem er entgegen der „Unbekümmertheit einer ästhetischen eindimensionalen Kunst und ihrer Promotoren“ an die Realität in brasilianischen Gefängnissen erinnern wollte.

Neuenhausen-Folter

Berühmte Hände

Disney-Ernst-Breton

Hände zeichnen iss ja sowas von schwierich. Mit 5 hab ich mich beim „Grundleistungstest“ bei den Fingern verzählt.

Ulis-Haende

Später sieht das trotz Kunst-Studiums auch nich viel besser aus.

multiokulti

Wie leicht man sich – besonders im Opium-Rausch – bei den Fingern vertun kann, zeigt eine Zeichnung von Jean Cocteau aus dem Tagebuch über eine seiner Entziehungskuren.

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Richtich voll verschludert dagegen Picassos Aquatinta „Traum und Lüge Francos“ von 1937, eine Vorstudie für sein Gemälde „Guernica“.

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Dagegen machte das Daniel Hopfer um 1525 in seiner Eisenradierung „Maria fummelt Jesus“ schon recht ordentlich. Allerdings klaute er Motive, wo er konnte. weshalb man ihn und seine Söhne als „diebisches Kunstgesindel“ bezeichnete.

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Voll drauf hatte es Rembrandt in seiner Radierung „Jan Uytenbogaert gibt dem Gehilfen seinen Sack“ (1639). Da mag man sogar übersehen, daß die Szene im Finanzamt angesiedelt iss.

Rembrandt--Uytenbogaert-1639

Doch schon als der nur 1,40m große manische Zeichner Adolph Menzel 1865 Graf von Moltke porträtiert, geht die Schlamperei los. Eine seiner ersten Zeichnungen war die Hand seines Vaters.

Menzel-Moltke-1865

Nä wirklich, Herr Steinberg. SO nich! Kann man doch den Kindern ganich zeigen. Der Mann hat sogar seinen Paß gefälscht.

Steinbergs-Passport

Abstrakt oda nich

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Mein Kunsterzieher Arnold Fritz (*1907 Berlin), der auch mit einer „Komposition“ in Uelzen dabei war, ein gutmütiger Mensch, hatte 3 Eigenarten: Zuerst zeichnete er das Unterrichts-Thema meist sehr witzig an die Tafel und wischte es zu unserem Bedauern wieder weg. Dann nahm er einen Pott mit Deckweiß und klatschte jedem eine Ladung auf den Mischdeckel des Tuschkastens. Was bedeutete: Daß mir ja keiner ungemischte Farben benutzt! Während wir malten, erzählte er endlos Geschichten – niemand hörte zu – bis wir so laut wurden, daß er es nicht mehr aushielt. Dann brüllte er eine Weile, bis wieder alle mucksmäuschenstill waren. Danach erzählte er weiter – und der Geräuschpegel hob sich erneut. An der Kunsthochschule nannte man solche Leute „Malschweine“. Die Oberfläche der Leinwand sah vom mehrmaligen Übermalen meist wild-wurstig aus, notfalls mischte man noch Sand in die Farbe. Sowas macht dem Malenden am meisten Spaß, dem Betrachter weniger.

im-Museum

Auch meinem Vater nicht. Wenn er mich hier trotzdem vor einem tachistischen Gemälde in der Landesgalerie Hannover fotografierte, dann wohl hauptsächlich, weil mein Schlips gut dazu paßte. Als ich so (unten Kordhose) in der 1.Tanzstunde erschien, forderte der Tanzlehrer, der völlig aus Gummi war: „Kaufen Sie sich mal einen Anzug!“

Ich befand mich (bis heute) im Widerstreit zwischen rauschhaft-experimenteller Malerei und objektbezogener, langwieriger Pfriemelei. Ein neuer Realismus tauchte auf, und die Pop-Art zeigte bisher unbeachtete Themen, die mich interessierten.

LM-Hannover

James Ensor (1860-1949): „Blumenstilleben mit 3 Totenköpfen“, 1889, Landesgalerie Hannover