Feuchte Zustände

Eames-lounge-chair

“Eventually, everything connects.“ Charles Eames (1907-1978)

Erst will mich ne fliegende Taube rammen, dann werden wir in Bremen von einer fliegenden angepißt, schließlich aus einem Fenster heraus mit Wasser bespritzt. Abends kippt in einer Design-Ausstellung eine angerempelte Frau ihren Wein in den Edel-Lounge-Chair von Charles Eames für 7.500,-DM, in den ich mich gerade setzen will. Dann latscht Volkshochschul-Schulze voll in ein Weinglas, und der Inhalt spritzt mir vor die Füße. Verdammt feuchter Tag.
Und zum Abschluß eine 1-Frau-Zeugen-Jehova-Demo mit seligem Lächeln: „Kehret um und büßet. Der Herr wird euch erlösen!“
Na klar, gleich morgen.

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Pleonexie

Kalweits-Radio

Ich sollte mir 1 Telefon anschaffen, forderte meine Mutter, schon wegen in Notfällen benötigter ärztlicher Versorgung.

Gegenrede: Die neuen Untermieter unseres Nachbarn haben auf ein beantragtes Telefon (obwohl eins im Haus existiert) mindestens ½ Jahr zu warten, weil dazu erst eine neue Leitung durchs Moor gelegt werden muß. Alle reden vom Umweltschutz, wir praktizieren ihn. Deshalb kein Telefon-Antrag, kein TV, keine Mikrowelle, keine Tiefkühltruhe. Meinen Rasierapparat hab ich auch abgeschafft. Was den Föhn betrifft, muß ich noch die Restfamilie überzeugen, ihre Kunstfrisuren aufzugeben, und ma sehn, was sich noch abschaffen läßt. Die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts überlasse ich den Alten und den Jungen.
Aaltje besaß mal 1 Telefon mit einer ähnlichen Nummer wie der Notfalldienst des Roten Kreuzes. Die Störungen während ihrer Ruhezeiten durch Falschwähler waren erheblich. Davor schützt auch keine Geheimnummer. Und was soll man denen erzählen, die sehen oder wissen, daß wir eins haben (z.B. den Verwandten in Australien, die dann wegen der Zeitverschiebung bevorzugt nachts anrufen), und denen man sagen müßte: „Nein, Mutta, du krichst meine Nummer nich!"
Die relative Ruhe hier im Moor ist heutzutage Luxus und mir ebenso heilig wie Unabhängigkeit von Apparaten und den Institutionen der Daseinsverwaltung. Neulich hörte ich eine sehr interessante Radio-Sendung über akustische Umweltverschmutzung: Gerätegeräusche von Trafos in Dimmern oder Lampen, Ätherwellen, Mikrowellen aller Art, die senden, ohne daß wir es bewußt hören. Überall herrscht Übermaß an Dingen, ohne die man auch gut leben kann – was zumindest die Alten wissen sollten. „Es ist kein Zweifel, daß unter ihren wesenseigenen, ungestörten Bedingungen die Industrie nicht von einer traditionellen, stereotypen Bedarfslage her produziert, sondern daß sie umgekehrt die Bedürfnisse mitproduziert, die Bedürfnisse für Produkte, die sie ganz unabhängig von jeder Nachfrage (die erst dem neugezüchteten Bedürfnis folgt) aus sich selbst heraus entwickelt … Gleichgültig, welche Bildung oder soziale Stellung der einzelne hat: zeigt er Pleonexie [Begehrlichkeit, Anmaßung, Herrschsucht], so gehört er zur Masse, während umgekehrt jeder zur Elite zu zählen ist, der Selbstzucht, Selbstkontrolle, Distanz zu sich und irgendeine Vorstellung hat, wie man über sich hinauswächst." (Arnold Gehlen, „Die Seele im technischen Zeitalter", 1957)
Annis Sterben (1914-1991) begann bei einem Arztbesuch und endete 1Std. später auf der Intensivstation bei optimaler ärztlicher Versorgung. Die Angehörigen erfuhren es sehr spät und eher zufällig, weil das Krankenhaus eine falsche Nummer gewählt hatte, und für die Schwiegertochter war es ein telefonischer Schock. Ähnliches hab ich 1989 nach dem Tod meines Vaters erlebt.

Heute befinden sich in meinem indonesischen Haushalt (bei täglichem Zusammenbruch des Stromnetzes) 1 PC, 2 Laptops, 1 Föhn, 1 Mixer, 1 Mikrowelle, 1 Kühlschrank, 1 großer Flachbild-Monitor mit DVD-Player, 1 Fest-Telefon und 2 Handphones. Trotzdem ist unser Stromverbrauch auffällig niedrig – weil nicht wie überall TV Tag und Nacht läuft.

Wu

Feinarbeit

Sie nannte sich Wu, obwohl sie keine Chinesin war, und das kam so:
Im Leerraum zwischen Abitur und Studium verdiente ich mir etwas Geld in einer Fabrik. Dort lernte ich sie kennen, da sie gerade das gleiche tat. Wir bestimmten und setzen Widerstände in Steuerelemente für Benzin-Einspritzanlagen ein und testeten diese (Seitdem weiß ich, wie fehlerhaft sowas sein kann.). Die ganze Fließband-Anlage lief noch als Testlauf, und wir haben wahrscheinlich den Arbeitern, die ihr ganzes trostloses Leben dort verbringen mußten und gerade taylorisiert wurden, die Zeiteinheiten verdorben, denn wir arbeiteten schon deshalb schneller, weil wir uns sonst langweilten. Unsere Tests zeichneten wir mit den Anfangsbuchstaben unserer Nachnamen: Do und Wu.

Teufel, ich kann mich nich mehr an ihre Haarfarbe erinnern. Sicher war es nich Schwarz. War sie blond? Ich glaub, es war was dazwischen. Genau kann ich mich jedoch an ihr Lachen erinnern. Sie sah sehr gut aus, hatte aber leider einen Freund. Wir redeten viel, und gingen nach der Arbeit zusammen nach Hause. Dabei begleitete ich sie einmal nachts durch einen dunklen Wald am Rande der alten Stadt, obwohl es dort damals keine Räuber gab. Plötzlich schlug sie mir mit voller Kraft auf den Rücken, daß es knallte. Ich weiß nich mehr, was ich gesagt hatte, aber es war nichts, wofür ich diesen Schlag verdiente. Ich vermute, daß es eine Übersprunghandlung war, wie man das in der Verhaltensforschung nennt. Wie ein Vogel im Käfig, der eigentlich davonfliegen will, stattdessen jedoch auf etwas herumhackt.

Später traf ich sie zufällig in der Uni-Stadt wieder. Sie hatte gerade eine Wohngemeinschaft mit ihrer Schwester und einer Freundin bezogen, und ich sollte ihr helfen, die Decke ihres Zimmers ORANGE zu streichen. Es wurde die schlimmste Decke, die ich je gesehen habe. Anständige Decken sind himmelblau und die Wände rosa mit schwarzen Texten darauf. So sah es jedenfalls bei mir aus.
Und dann passierte die Sache mit dem Hammer. Ob ich einen Hammer hätte? An sich schon eine mißverständliche Frage, denn damals bezeichnete man Verrückte so. Natürlich hatte ich einen. Als ich den brachte, lachten mich alle 3 aus. Es war ein klitzekleines Hämmerchen, den mir mein Opa mitsamt einem Bastel-Set mal als kleiner Junge zu Weihnachten geschenkt hatte. Nur Goldschmiede-Hämmer sind noch kleiner, man konnte damit aber durchaus mit etwas Geschick einen Bildernagel in die Wand hauen. Ich glaub nich, daß es deshalb mit Wu und mir nix wurde, auch wenn ich kein ausgeprägtes Gespür für männliche Rituale hatte (Heutzutage benutze ich latürnich auch 5kg-Hämmer.). Es war wohl mehr so, daß sie einerseits schon vergeben und andererseits auch eher konservativ geprägt war, mit solch sonderbaren Vorstellungen wie heiraten, womit man sich leicht das ganze Leben versauen kann, und ich eben ein herumtrudelnder Kunststudent, zwar ein durchaus odentlicher Mensch, aber doch mit einer gewissen Neigung, ersma einiges auszuprobieren.
Deshalb reagierte mein chemisch konfiguriertes Hirn wohl auch so stark auf eine LP der Quietsch-Boys, die ich 1x und nie wieder in der Küche der 3 hörte: „Smiley Smile„. Allemal bessere LSD-Musik als „Sgt Pepper’s“ von den Beatles, aber bis auf die Singel-Auskoppelung „Good Vibrations“ nie ein wirklicher Hit. Zu konfus für’s Volk. Ich vergaß weder Wu noch diese Musik, obwohl ich beiden nie wieder begegnete. Zufällig fand ich die Platte kürzlich bei YouTube wieder – nach ~37 Jahren.