Verschwundene Dörfer

Gudellen1932

Nicht nur Christoph Kalweit stammte aus Gudellen, Kreis Stallupönen, auch Randy (55) nahe Baton Rouge/Louisiana hatte dort ebenso Vorfahren wie in Egglenischken, dem nordwestlichen Nachbardorf. Bei der Suche nach Informationen konnte ich ihm nur mit wenig helfen, denn ich habe zu spät angefangen, mich für meine Vorfahren und ihr Land zu interessieren. Keine 2km von Podszohnen entfernt, wo mein Vater geboren wurde und aufwuchs, lag Gudellen im äußersten Ostzipfel Ostpreußens, nur 7km vor der litauischen Grenze. Gesehen habe ich die Heimat meiner Vorfahren nie, doch Randy war da: 2 years ago, we found a bunch of 1930’s letters from my great-grandfather in Egglenischken to his children in America. 3 girls and 1 boy came to New York in the 20’s. From the letters, we learned for the first time about our Ostpreußen connection. For me it has been non-stop learning since. It was amazing to learn of the Trakehners, and then see that they are only 4.9 km up the road from Egglenischken! Very ignorantly, I went there last October, expecting to find the remains of the town and thinking that I was racing against time (Google Earth showed that they were beginning to plow new fields in the area). Well, almost absolutely nothing remains and EVERYTHING is plowed.“

Nach den Erzählungen meines Vater war die Landschaft der Westheide, in der ich lebte, nicht unähnlich: Ein bewegtes Relief aus Endmoränen-Hügeln, auf denen es sich trocken leben ließ, ansonsten eben fast wie ein Tisch, belebend unterbrochen von Wäldern und Seen. Die Bezeichnung Stallupen, Stallupönen setzt sich aus litauisch stalas = Tisch (im Stadtwappen) und upe = Fluß zusammen. Im Zuge der Germanisierung mußten die alten Namen eingedeutscht werden: Stallupönen wurde in Ebenrode umbenannt, Podszohnen in ein langweiliges Buschfelde, Egglenischken in Tannenmühl und Gudellen in Preußenwall. Die Pissa, die bei Egglenischken zum Mühlenteich aufgestaut worden war, wurde zum Roßbach aufgewertet, weil die feinen Damen vorher nur vom „kleinen Flüßchen“ sprachen.

ahnentafel

Die bewegte Geschichte dieser Region zeigt ein Eintrag auf der Ahnentafel von Helmut Kalweit. Meine Vorfahrin Gristina Dobat (geb. Didlaukis; der Name weist auf Litauen), wurde 1815 in Zasken (Szaku) geboren, als man gerade die Grenzverschiebungen korrigierte, die der größenwahnsinnige Napoleon angerichtet hatte. Szaku hieß der Wall von Gudellen, der einst die dortige Wehranlage der Ureinwohner umgeben hatte. Eigenständige Stämme, weder polnisch, litauisch und schon gar keine Russen. Die Siedler wurden assimiliert, und wenn heute jemand noch ein älteres Recht auf das Land hätte als die Deutschen, so wären es die verschwundenen Prussen, Nadrauer, Sudauer, und wer da sonst noch rumlief. Bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts blieb das Gebiet allerdings ziemlich menschenleer. Der Kreis Stallupönen war durchsetzt mit Litauern, die Schulen solange zweisprachig, bis die Litauer langsam im preußischen Genpool aufgingen, der auch aus geflüchteten Salzburgern (Namen wie Salecker, Brandstädter) und Hugenotten bestand. Juden, die erst 1812 in den Genuß bürgerlicher Rechte kamen, siedelten dort in geringer Zahl. Sie waren ebenso wie manche Polen vor Unterdrückung und Progromen in ihrer Heimat ausgewichen – nicht ahnend, wie ihnen später auf deutschem Boden Schlimmeres wiederfahren würde. In der „Reichs-Kristallnacht“ 1938 verbrannte man auf dem Marktplatz von Stallupönen nicht nur die Einrichtung der Synagoge sondern auch Bibeln. Die Menschen der Region waren schon deshalb anfällig für Populismus, weil sie unter ständiger Bedrohung russischer Kavallerie-Attacken lebten. Die repressive und völkerrechtswidrige Idee des polnischen Korridors als Ergebnis des 1.Weltkriegs verstärkte noch das Gefühl der Isolation.

Gerne hätte ich in jener Landschaft gesiedelt. Eine halbwilde, blonde Litauerin geheiratet, die sich nicht zu fein gewesen wäre, die Ziegen zu melken, während ich mit Wölfen und Bären kämpfte, und wir hätten weitgehend selbstversorgend in einem Blockhaus aus polnischer Produktion gelebt – sofern nicht von mir selbst errichtet. Vielleicht wäre es aber auch so ausgegangen wie bei „Jons und Erdme„. Die Kinder hätten vom Apple-Store in Königsberg geträumt und sich geweigert, die Ziegen ohne Kopfhörer zu hüten. Als Berufswunsch hätten sie DJ, Spiele-Entwickler oder Influencer für Kosmetik-Produkte angegeben. Jedenfalls hätten sie nur eins angestrebt: da raus, raus, raus.

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Die Frau im Schrank

Kuebart

„Immer wenn Du meinst, es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“
Ostpreußische Weisheit

Wer Kommunikation will, muß sich verständlich machen. Fachsprachen und Mundarten trennen dagegen wie Religionen. Ein Fachbegriff mag den größeren, komplizierten Zusammenhang praktisch verkürzen, verständlich ist er nur dem Insider. Inwieweit das ostpreußische Platt sich vom norddeutschen unterschied, das ich nur mit Mühe verstand, vermag ich nicht zu sagen. Gesprochen wurde es von den mir bekannten Vorfahren nicht.

Soldaten und Jägern ist nicht nur das Töten gemeinsam sondern auch eine Vorliebe für manierierte Fachbegriffe. Der Soldat wird nicht zerfetzt, verstümmelt, er verblutet nicht sondern fällt – was mir auch oft passiert, jedoch keine theatralischen Zeremonien zur Folge hat. Der ostpreußische Jäger stand an seinem „gestreckten“ Hirsch, der keiner „Auferstehung entgegenschläft“. Handelte es sich um einen höheren Beamten, bei dem die abzuschießenden Hirsche in der Qualität noch heute je nach Position wie die Büro-Austattungen gestaffelt sind, so eventuell mit „tiefer innerer Bewegung“. War es ein „doppelseitiger Kronenhirsch“, ein „ungerader Zwölfer“, der „besonders schwer anzusprechen“ ist? Was soll man mit solch einem Hirschen auch schon viel reden? Besonders wenn er „auf der Decke liegt“ und nicht mehr mit dem „Orgeln der Geweihten“ die „Rechte des Stärkeren“ verteidigen kann. Ein ostpreußischer Jägerschafts-Vizepräsident war in der Brunft – nicht in seiner – ein Meister der „Ansprechkunst“. Nachdem man die toten Hirsche „gestreckt“ hatte, fand das gemeinsame „Tottrinken“ statt – was ja erklärt, warum man heutzutage kaum noch was von diesen Jägern liest. Auch wurde der Hirsch „verblasen“. Der bereits erwähnte ostpreußische Jägerschafts-Vizepräsident hat in seinem Leben weit über 100 Hirsche und anderes erschossen und deren Trophäen in seinem ganzen Haus verteilt. Was für ein innenarchitektonischer Alptraum! Ob er seine Rehe auch nackt gefüttert hat, ist mir nicht bekannt. Verdiente Jäger ehrte man mit der Überreichung der Eckzäne des Oberkiefers, „Grandeln“ genannt. Hasen wurden „spitz von vorn befunkt“. Nimmt der Hase den Schützen im 2. Versuch an, läßt jener ihn „rollieren“. Einst brachte man es in der Rominter Heide immerhin zu 41 Schüssen auf 1 Hasen – bis er rollierte. Danach „liebelte“ der Jagdhund „mit treuen Augen ab“, und man nuckelte an einem Schnuller, den ein Witzbold auf die Schnapsflasche gesteckt hatte. Dagegen wurden Wildgänse, -Enten, Bleßhühner und Bekassinen von passionierten Jägern einfach nur „heruntergeholt“.
Um die Jagdgründe Görings in der Rominter Heide nicht zu stören, äußerte jener 1941 den Wunsch, seinen Ostteil von Truppenbewegungen zum Überfall auf Rußland freizuhalten. Die Hirsche waren begeistert und „rauften“ vergnügt an der Heukrippe. „Nur noch ein Gabler und ein gut gewachsener Achtender lasen die letzten Rüben-Schnitzel auf.“ Hans Graf von Lehndorff erinnerte sich jedoch an einen „befahrenen Fuchsbau“. Wer da womit fuhr, blieb offen. Die Rominter Heide war keine Heide-Landschaft sondern eine 25000 Hektar große ehemalige Endmoränen-Wildnis, in der Rotten Sauen „auf grünem Gestell im Gebräch standen“, und die zur fast reinen Nadelwald-Monokultur kultiviert wurde, was immer wieder zu schwerem Raupenbefall führte. So gesehen war die Verwahrlosung durch Polen und Russen das Beste, was der ostpreußischen Natur passieren konnte, denn bei einem weiterem Verbleib der Deutschen, wäre es ihnen sicher gelungen, die Natur dort wie in Westdeutschland zu ruinieren. Schon 1934 wurden giftspritzende Flugzeuge eingesetzt, denen auch Vögel, Hasen und Rehe zum Opfer fielen – unverblasen! Auch fand man in einem Dorf nahe Stallupönen, der kältesten Stadt im Deutschen Reich, nach der Befreiung durch die vergewaltigenden Uhrensammler, in einem Schrank eine tote Frau. Unbefunkt? Erfroren, verhungert oder wahnsinnig geworden. Oder alles zusammen.
Gemeinsame Veranstaltungen der aus ihrer Heimat geflohenen Ostpreußen, deren „Unglück die Revolution und das rote Deutschland“ gewesen waren, zeigten nach 1945 Höhepunkte wie den „Großen Zapfenstreich“, der nichts mit Tottrinken zu tun hat, sondern „in ergreifender Weise uns allen wieder einmal nahe brachte, daß wir alle Deutsche und Christen sind“. Mit diesem Dreck hat man Ostpreußen ein 2. Mal verloren – diesmal endgültig.

Foto: Reinhold Kübart, „Mädchen mit Reh“, Tischplastik

Jägerlatein

wangerooge57

Die eigene Fachsprache von Jägern und echten Natur-Freunden kann auf lautmalerische Weise ein Naturereignis anschaulich und hörbar machen. Etwa wenn ein Fasan aus dem Busch „gockt“. Hermann Löns hat dies bis zum Überdruß betrieben. Auch wenn ein Wanderfalke auf dem Astzacken einer einsamen Feldeiche „blockt“, stellen sich noch vertraute Erinnerungsbilder ein. Doch wenn ein Reh aus der Schonung „poltert“, stimmt was nich. Rehe vermeiden sowas. Wenn der Förster den Drilling auf den Rücken „wirft“, hofft man, daß die Waffe wenigstens gesichert ist. „Läuft“ die junge Saat über den feucht-dunklen Acker – und der Bauer hinterher? Wen „schlägt“ der Buchfink? Was „läutet“ die Kohlmeise in der Hecke? Wo geht die Schnepfe auf den „Strich“? Was geschieht mit der großen Schar Vögel, die noch draußen auf dem Meere „liegt“? Die Singdrossel „fällt mit lautem Tatü-tatü ein“? Alarm! Besonders wenn der Strom „kentert“, weil die Flut einsetzt. Wie politisch ist der Pirol, der „Bülow-bülow“ ruft? Der Kleiber hilft der Kohlmeise beim „Läuten“, und der Grünspecht „lacht schallend“ (darüber?). Doch wirklich anrührend muß die Szene bei der Beerdigung des verdienten Vogelwarts Johannes Thienemann gewesen sein, der 1901 die Vogelwarte Rossitten in Ostpreußen gründete. Jener versorgte nicht nur die ganze Gegend mit einem fast täglichen Gutenachtgruß mittels seines Jagdhorns, er war auch gemütlich eingerichtet: „Jagdmesser und anderes Jagdgerät, beachtliche Gehörne, selbstgewonnenes Pelzwerk und selbstgesammelte Spazierstöcke verliehen der häuslichen Ausstattung etwas Anheimelndes.“ Und als er 1938 im 75. Lebensjahr zu Grabe getragen wurde, „kreiste minutenlang ein Seeadler im Jugendkleid auffallend niedrig über dem Trauerzug“ mit dem „Entschlafenen“, obwohl Seeadler keine typischen Aasfresser sind.
Übrigens flogen sich in der nebligen Nacht vom 10. auf den 11. September 1948 Hunderte von Vögeln am Empire State Building in New York zu Tode und wurden am Morgen auf der Straße zusammengekehrt.

balgsammler

Quelle: Rolf Dircksen, „Vogelvolk auf weiter Reise“, 1951
Fotos:
Wangerooge 1957
Professor Dr. Drost, Vogelwarte Helgoland