Die letzte Adresse

Schreinerei

Ja, so müßte es etwa aussehen, das letzte Haus für einen alten Schrat im Nirgendwo von Westworschowo, wie mein Vater extremes Abseits zu bezeichnen pflegte. Wie die Schreinerei im PC-Spiel „Forest Village„. An einem Giebel fehlt der Kamin, aber sonst 1 Raum für alles (Klo draußen, wie damals, als ich mit dem Ausstieg anfing. Doch ein Küchen- und Sanitär-Anbau wär auch nicht schlecht.). Leicht zu reinigen und zu reparieren, fernab von belästigender Bürokratie und alkoholisiertem Brauchtum, Einkaufs-Möglichkeiten und Internet in Reichweite. Aber es ist zu spät. Nochmal Pionier schaffe ich nicht mehr, könnte die hohen Lebenskosten in D auch nicht verkraften. Und dann die Behörden: „Notunterkunft“! Für Wohnzwecke nicht geeignet, Isolierung gemäß DIN Kuschel-Styropor unzureichend. Da, wo sonst keiner lebt, gibts keine Bau-Genehmigung. Jede Teich-Idee verlangt ein Gutachten. Alles, was man frei gestalten könnte, verboten. Viele merken gar nicht, wie unfrei das Leben in D ist, weil sie nie etwas anderes kennengelernt haben als die Maschinerie, die ihr Leben nicht durch Existenzielles sondern durch erstickende Verordnungen bestimmt. Dabei bin ich mir der Widersprüchlichkeit meiner Existenz durchaus bewußt. Künstler können nicht überleben ohne die Arbeit der grauen Mäuse. Ich hab nur versucht, mit weniger auszukommen, und leiste mir den Luxus naturnahen Lebens. Für meinen Vater blieb Leben in der Natur ein Traum. In der Wildnis Kanadas werden die Bäume und Fische gezählt, die man killt. Überprüfung mit dem Hubschrauber. In D findet man gar keine Wildnis mehr, die nicht durch Gülle, Bohr-Türme, Autobahn, Camping-Disco und Forst-Lehrpfade ruiniert wird. Leben ist in den entwickelten Ländern teuer, kompliziert und überperfektioniert, Schratsein nicht vorgesehen. Schlecht informiert, kommt mir das Land aus der Ferne inzwischen wie ein Museum vor: Berühren verboten! Mit Andenken-Shop und Kindergarten. Neues entdecken, geht nicht mehr. Statt dessen nur programmierte Arbeits- und Unterhaltungs-Variationen. Neugeborene bekommen gleich eine Hochglanz-Broschüre mit ihrem Lebensplan geliefert. Da bleibe ich lieber in meinem Dschungel. Der berührt mich. Ist auch wärmer, und der Mensch wurde bestimmt nicht im Norden erfunden. Im Winter wird ein 1-Raum-Haus leicht zum Gefängnis. Das Problem entsteht, wenn man nicht synchron mit den Jahreszeiten lebt.
Ob Frauen existieren, die in solch einem Blockhaus ihren Lebensabend verbringen möchten? Ich glaube, eher nicht.

Winterarbeit

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Traumlandschaft

arnstadt

„Der zivilisierte Mensch ist der Bauer, der bei der Arbeit denkt. Je mehr man in den großen Städten lebt, desto tiefer versinkt man im Dunkel der Barbarei, der Dummheit und der Perversion.“ Vincent van Gogh

SO musse sein, hügelich aba übasichtlich. Ob der Zeichner auf einem hohen Berg stand, weiß ich nich. Jedenfalls hatte man 1892 für die „Seydlitzsche Geographie“ der „Könichlichen Unitäts- und Verlags-Buchhandlung“ in Breslau noch keinen Hubschrauber zur Verfügung. Der Holzstich zeigt die Gegend von Arnstadt an der Gera in Thüringen, das „grüne Herz Deutschlands“, wo Johann Sebastian Bach und die Bratwurst erfunden wurden. In dem kleinen Haus am unteren Bildrand wohne ich. Man kann mich davor mit meiner Pionier-Frau erkennen. Sie iss eine, der nie langweilich wird, die starke, lungenschonende Hanf-Kekse backen und mit der man Holz hacken kann. Das muß sein, denn wir heizen und kochen damit. Einmal die Woche besteigen wir unsere Pferde und reiten zum Supamarkt nach Arnstadt. Dort binden wir sie am Geldautomaten an und beladen die Packtaschen mit Schokolade, Müsli, Rosinen, Joghurt, Käse und Bratwürsten. Eventuell wandern wir auch nur bis zur Gera und lassen uns dann mit einem Boot zur Stadt bringen. Sonst, wenn wir gerade nix zu tun ham, Haus- und Garten-Arbeit geschafft und die Tiere versorgt sind, sitzen wir auf dem Berg, rauchen und kucken in die Ferne. Ein Meer im Hintergrund wär auch nich schlecht, aba man kann ja nich alles ham.
Rechts und links neben dem Haus haben wir Apfel-, Kirsch-, Pflaumen-, Birn- und Wallnuß-Bäume in den fruchtbaren Boden gepflanzt, dahinta befindet sich unsa Hanf-Feld. In dem umzäunten Ziergarten vor dem Haus blühen bunte Astern. Auch leisten uns Ziegen, Hühner und Katzen Gesellschaft. In den Häusern unserer Nachbarn wird Spielzeug in Heimarbeit hergestellt. Da muß die ganze Familie helfen, Holzpferde zu schnitzen, Teddybären zu stopfen, dem Kasper das Gesicht zu malen oder Puppen bewegliche Augen einzusetzen. Bauern versorgen uns mit selbstgebackenem Brot und frischer Milch. Auf dem Weg nach Arnstadt trifft man ab und zu Glasmacher, die zur Weihnachtszeit in ihren Körben Christbaum-Schmuck anbieten. Den brauchen wir nich, doch hängen wir uns dunkel-violette Glaskugeln und blinkende Prismen vor die Fenster-Scheiben. Wenn draußen alles weiß iss, und uns drinnen der Kaminofen wärmt, stehen Rehe vorm Fenster und staunen. Kommt der Frühling, tanzen wir mit Chopins „Frühlings-Walzer“ den Hügel hinab. Telefon und TV besitzen wir nich. Wir erzählen uns statt dessen Geschichten und lesen viel. Ach jaah – damals in Thüringen!

borchelhof

 

borchkuech

Wieda von unten

Fundament

Irgendwo in der Uckermark baut sich ein betrogener und enttäuschter Rückwanderer ein klitzekleines Haus für 1 Person. Für ein Kunsthaus hat er nich mehr genuch Geld. Er fängt wieda ganz unten an und schachtet die Streifen-Fundamente aus. Inzwischen vergiften die Bauern ringsum das Land. Um das Haus herum pflanzt er Obstbäume, obwohl sich das nich mehr lohnt.

mauern

Danach mauert er Wände und Schornstein mit Ziegeln hoch. Zwischendurch muß er beim Kühetreiben helfen – wie früher im Moor. Für die Außenmauern benutzt er jedoch keine roten Tonziegel sondern weißen 10DF Kalksandstein im Format 24 x 30 x 23,8. Zusammen mit einem selbstgebastelten Mörtelrahmen sind die Mauern so im Handumdrehn fertich. Na ja, eher im Arm- und Rückenverdrehn. Außadem muß er sich das rechte Handgelenk bandagieren, damit er beim Verfugen keine Sehnen-Entzündung bekommt.

Dachstuhl

Schließlich braucht er Zimmerleute für den Dachstuhl und Dachdecker, denn das kann er nich mehr alleine machen.

dachdecken

Als es fertich iss, sieht es wie ein ganz kleines, spießiges Überlebens-Haus für 1 Person aus. So spielt das Leben, das nicht fair oder gerecht oder freundlich ist, sondern einfach nur so vor sich hinlebt – bis es aufhört.

Bilder aus Hüttner/Sacher, „Wir entdecken einen Stern“, DDR 1982