Was man sieht

Während meines ersten erfolglosen Versuchs, mit einer Frau zusammen zu leben – man sollte das besser nicht in den winzigen Mansardenzimmern eines Studenten-Wohnheims probieren – betrachtete ich lange eine bunte Zeichnung, die meine Freundin mit Filzstiften angefertigt hatte: „Das ist genau symbolhaft für unsere Beziehung,“ stellte ich unter dem Einfluß von LSD fest. Ich sah eine Lokomotive, vorne mit einem Herz auf dem Kessel, die auf mich zufuhr. Sie hätte nur auf dem Papier rumgekritzelt, erklärte meine Freundin – und ich kam mir ziemlich dumm vor.
Als 1963 während des Vietnam-Kriegs buddhistische Mönche anfingen, sich aus Protest gegen das Diem-Regime selbst zu verbrennen, war die Rezeption des Publikums extrem unterschiedlich. Während die westliche Reaktion eher aus Entsetzen bestand, nahm man es vor Ort gelassen:
„Was Neues heute?“
„Nein, nur wieder ein Braten.“ So beschrieb es Oriana Fallaci in „80 Tage in der Hölle“. Ein Franzose riß einem brennenden Bonzen Teile seines extra dafür wattierten Gewandes runter, eine Nonne nahm sie wieder auf und legte sie ihm auf den Kopf. General Nguyen Ngoc Loan, der 1968 durch das Foto seiner Erschießung eines gefangenen Vietcong weltberühmt wurde, schickte seine Polizisten mit Feuerlöschern zu den Brennenden und machte sie zu Clowns mit Schlagsahne. Niemand im Westen kannte die eher unbedeutende Minderheit der Cao Dai-Buddhisten und konnte das Geschehen einordnen. Alle sahen nur Bilder.
Erkenne dein Erkennen als unzureichend und eventuell irreführend! So wie Farbe keine Eigenschaft eines Objekts sondern ein Spiel des Lichts ist, erschafft sich Wirklichkeit nicht aus relativer Innerlichkeit. Nur durch die ständige Wachsamkeit, daß Gewißheit von Wahrheit unzuverlässig ist, hat man die Chance, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Also durch das, was in der Regel nirgendwo passiert, denn die mediale Bilderflut überspült ständig das analytische Denken.

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