Debatte als Schule der Nation

diskurs

Ein Verriß im „Spiegel“ ist oft Indikator für Qualität. Schon der hämisch-persönliche Haß, der in der Kolumne von Georg Diez über Äußerungen des Philosophen Peter Sloterdijk (*1947) zum Flüchtlings-Problem deutlich wurde, ließ mich neugierig werden. Wenn Diez ihm Unverständlichkeit vorwirft, erscheint das merkwürdig, denn gerade Sloterdijk gibt sich in seinen Texten geradezu populär, etwa wenn er in „Weltfremdheit“ (1993) über die „Technik der autogenen Himmelfahrt“ schreibt. Und so lauschte ich ihm „Vis-a-vis“ (13.3.2016): Er hält das „linkische Daneben-Reden“ für einen Ausdruck der Überforderung vor der Komplexität der reinen Masse Menschheit. Er ist für ein Denken ohne Geländer, denn das Leben besitzt keins. Was normalerweise stattfinde, seien Diskurse. Wie in der mittelmäßigen klassischen Musik wisse man nach wenigen Takten, was herauskommt. Sprach- und Positions-Spiele. Stattdessen fordern alle Religionen: „Du mußt dein Leben ändern!“ Schwierig, weil man sich anscheinend an nichts mehr orientieren kann? Die logischen Entdeckungen der Wissenschaft mit kristallklarem Härtegrad führen weiter. Sie haben das tägliche Leben revolutioniert. Wer keine konkrete Erfahrung mit Parallelkultur hat, stattdessen zu den Guten gehören möchte, kommt leicht zu weltfremden Vorstellungen und wird eventuell von demokratischen Wahlergebnissen überrollt. Allein die Selektierungen, wer aufzunehmen sei und wer nicht, sind Entscheidungen bis zur Grausamkeit. Ein ethisch-moralischer Sonderweg der Deutschen führt hier in den Widerspruch zu jeder Normalisierung. Alt-Aufgeregte streiten sich mit Neu-Modernen. Dabei werden die Ungeheuerlichkeiten der deutschen Episode von 1933-45 nach Bedarf instrumentalisiert: „Liebe Ausländer, laßt uns mit den Deutschen nicht allein!“ Ablehnung des Nationalen bis zum Selbsthaß. Keine andere Nation hat diese Selbstkontrollzwänge, obwohl sie ALLE ihre Leichen im Keller verstecken. Sloterdijk weist hier auf die Geschichte des Kolonialismus, die für Deutschland schon mit dem 1.Weltkrieg beendet war. Warum man sich in D so schwer tut, liegt seiner Ansicht auch am Versagen des humanistischen Gymnasiums, in dem der entfernte Osten gar nicht vorkam. Erst jüngste ökonomische Motive lösten eine stärkere Zuwendung aus. Dies erklärt, wie meine Generation so leicht Opfer asiatischen Unsinns wurde und das „neureligiöse Augenschließen und Sichtragenlassen von dunklen Gründen“ übte. Die Welt in Ordnung singen – bei Sloterdijk war es ein Gemisch aus Hinduismus und Kalifornien, das ihn zum ersten Mal das Blaue des Himmels entdecken ließ. Und wenn unsere jungen Kritiker heute behaupten, die Zeit der „alten weißen Männer“ sei zuende, dann können wir gerne in Büchern und Blogs vergleichen, wer mit geistiger Sensibilität und Lebens-Erfahrung denkt und schreibt, und wer die „hybriden Illusionshändler“ sind. Nachfolger seien nach Sloterdijks Meinung noch nicht in Sicht. Dagegen habe die „psychoreligiöse Verblödungsindustrie“ Konjunktur. „Wer könnte leugnen, daß das Medienzeitalter zu einem Triumph der entgeisterten Vitalität geführt hat – orientiert am Leitbild sportlich-musikalischer Grenzdebilität?“

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Bildungsgang

with-chipwich

Der griechische Philosoph Sokrates (469-399) stellte alles in Frage, was ihm seine Zeit-Genossen an Schein-Wissen boten. Das machte die Athener so nervös, daß sie ihn schließlich vergiften mußten:
„Es gibt nur ein einziges Gut für den Menschen: die Wissenschaft. Und nur ein einziges Übel: die Unwissenheit.“
„Es ist keine Schande, nichts zu wissen, wohl aber, nichts lernen zu wollen.“
Das Photo zeigt seinen Schüler Platon, nachdem er von einem Chipwich getroffen wurde.

Giordano-Bruno

Giordano Bruno (1548-1600) war ein italienischer Philosoph. Ursprünglich dominikanischer Mönch, verkündete er mit dichterischer Leidenschaft eine Lehre von der Unendlichkeit des Alls und erweiterte damit die des Kopernikus zum philosophischen Weltbild. Deshalb wurde er von der Inquisition in Rom erleuchtet:
„Man kann einen Baum nicht nach der Güte seiner Blätter einschätzen, sondern nur nach der Güte seiner Früchte.“
Meine 1. PC-Grafik mit W98 und „Paint“ illustrierte dieses Zitat von Bruno: „Es genügt zu wissen, daß es ein unermeßliches Gefilde, einen zusammenhängenden Raum gibt, der alles in sich hegt und trägt, der alles durchdringt. In demselben sind zahllose dieser Welt ähnliche Welt-Körper, von denen der eine nicht mehr die Mitte des Universums ist als der andere. Denn als unendliches All ist es ohne Zentrum und Umfang; …“

Thoreau

Der amerikanische Dichter Henry David Thoreau (1817-1862) lebte zwar nicht so lange im Wald wie ich, aber er hat 1854 das Buch „Walden. Or, Life in the Woods“ geschrieben. Seine Natur- und Einsamkeits-Philosophie hat mich stark beeinflußt. „Ich habe nie eine Gesellschaft gefunden, die so gesellig war wie die Einsamkeit.“ Seine Werke über „Civil Disobedience“ habe ich leider noch nicht gelesen. „Sag, was du zu sagen hast, und nicht, was du sagen solltest.“

Friedrich-Nietzsche

Für Friedrich Nietzsche (1844-1900) war Religion eine lebensverneinende Strategie. Dem Leben Sinn und Zweck von außen zuzuweisen, erschien ihm als Lüge. Das furchtlose Bekenntnis zur Zwecklosigkeit des Seins, sah er als Voraussetzung für eine Zukunft der Aufklärung. Nationalismus war für ihn Ersatz-Religion des Pöbels. Protestantismus definierte er so: „Halbseitige Lähmung des Christentums und der Vernunft.“
„Auch der Mutigste von uns hat nur selten den Mut zu dem, was er eigentlich weiß.“
Leider wurde er verrückt und fing an, mit Pferden zu flüstern. „Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern und Zeiten die Regel.“ Und er hatte einen schrecklichen Schnurrbart.

Freud

Sigmund Freuds (1856-1939) „Das Unbehagen in der Kultur (1930) fand ich als Schüler zufällig in der Hildesheimer Bahnhofs-Buchhandlung. Ich benutzte es als Munition im Religions-Unterricht, bekam aber trotzdem gute Noten, weil ich einer der wenigen in meiner Klasse war, der sich überhaupt engagierte. Typischerweise wurde Freud damals an den Gymnasien ignoriert.
„Die Gefühle der Masse sind stets sehr einfach und sehr überschwenglich. Die Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewißheit.“
„Die Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.“
Zwar hielt er seine eigenen erotischen Phantasien für allgemein gültig, aber er öffnete mit seiner Psychoanalyse Türen zum besseren Verständnis menschlichen Verhaltens.

Wilhelm-Reich

Wilhelm Reich (1897-1957) war Schüler von Freud, dessen Lehre er politisierte, in dem Sexualität nicht in kultureller Leistung sublimiert werden sondern – im Gegensatz zu Freud – als soziale Kraft befreit und zur Humanisierung der Gesellschaft eingesetzt werden sollte. In seiner „Rede an den kleinen Mann“ (1946) appeliert er an dieses entsetzliche Wesen, das das Tote liebt und das Lebendige haßt, das von Größe träumt, aber von Selbständigkeit nichts wissen will, das lieber einem Führer folgt als der eigenen Vernunft. Leider war er mit seiner „Orgon“-Theorie ziemlich über die Kante. 1933 mußte er aus Deutschland fliehen, doch wurde er in den USA genauso verfolgt. Es heißt, er sei von der „Atomic Energy Commission“ (AEC) und der „Food and Drug Administration“ (FDA) ausgetrixt worden. Er starb im Gefängnis. Ich warte immer noch auf die Verfilmung seines Lebens.

Zusammenfassung: 2/6 ermordet, 3/6 im Gefängnis, 4/6 verfolgt, 1 verrückt. Keine Bilanz, die zu Optimismus Anlaß gibt.

Luxus

Sumatra-97

„Der Luxus der Zukunft verabschiedet sich vom Überflüssigen und strebt nach dem Notwendigen:
1. Die Zeit (wer stets Zeit hat, aber nur für das, womit er sich beschäftigen will, und wer selber darüber emtscheiden kann, was er mit seiner Zeit tut, wieviel er tut, wann und wo er es tut)
2. Die Aufmerksamkeit (Reduktion auf das und nur das, was wir selber sehen, hören, fühlen und wissen wollen.)
3. Der Raum (Heute wirkt ein Zimmer luxuriös, wenn es leer ist.)
4. Die Ruhe (wer sich dem allgegenwärtigen Krach entziehen kann)
5. Die Umwelt (sauberes Wasser und saubere Luft)
6. Die Sicherheit (wer sich in Sicherheit bringen will, schließt nicht nur die anderen aus; er schließt sich selber ein)“
Hans Magnus Enzensberger

Heute am Äquator:
1. Habe ich.
2. Praktiziere ich.
3. Habe ich.
4. Meistens; manchmal die reine Hölle (z.B. nicht schlafen können wegen Disco-Gewummere, geweckt werden durch christliche Pop-Musik und Sound-check bei Sonnenaufgang).
5. Meistens (Das Oberflächenwasser ist lebensgefährlich.)
6. Sicherheit ist Illusion. Abgesondert zu leben, ist Voraussetzung, um 1.-5. zu erreichen.