1000 Jahre Muff

Muff

Fand ich doch in einem uralten “Stern”-Artikel über den expressionistischen Maler Ernst Ludwig Kirchner, der 1927 den Auftrag erhielt, den Festraum des Essener Folkwang-Museums zu schmücken, die Sätze: “Doch er stößt mit seinem Spätstil auf den Widerstand Ernst Gosebruchs, des Direktors des Folkwang-Museums. Noch über 1933 hinaus macht er sich mit neuen Entwürfen Hoffnung auf Realisierung des Projektes. Gosebruch als Mentor der von den Nazis gehaßten Kunst ist bereits abgesetzt.” Das wird sich doch wohl nich um diesen Kunstlumpen handeln, grübelte ich, der mir in den wilden Sechzigern androhte: “Bei MIR machen Sie KEIN Examen!” Ein Satz, der justitiabel gewesen wäre, aber was hätte ich damit als kleiner Student erreicht! Doch handelte es sich vielmehr um seinen Sohn Martin (1919-92) aus dem Klan der Kunstrichter. Der Wikipaedia-Artikel muß von einem Fan verfaßt worden sein, denn er ist rein affirmativ. Anders ein englischer Artikel, der ein wenig bohrt: “The younger Gosebruch grew up with the paintings of the Brücke artists, Ernst Ludwig Kirchner, Eric Heckel and Karl Schmidt-Rottluff in the living room of the family home … Gosebruch was methodologically conservative. He strongly disputed reformers of architectural-historical practice … He early embraced theoretics and wrote on it throughout his career. He abandoned the Expressionist artists supported by his father in search of their cultural heirs, much to many of the original Expressionists’ dismay (e.g., Karl Schmidt-Rottluff).”
Beeinflußt wurde Martin Gosebruch durch den Früh-Nazi Prof. Dr. Hans Sedlmayr (1896-1984), dem die Mitte verlorengegangen war. Jener konstatierte einen “Zug zum Unteren” und auch gewisse pathologische Tendenzen bei modernen Künstlern, die im Selbst verharren. Im Zeitraum seit 1770 (“seit 1900 offenkundig”) entdeckte er einen “Krankheits-Verlauf”: “Als normal und befriedigend kann der Gesamtzustand nur dem erscheinen, der, selbst in den Zuständen dieser Epoche befangen, an den ‘autonomen’ Menschen glaubt und Gott leugnet.” Ensor “innerlichst entartet”, Grosz ein kalter Zynist. Berechtigterweise erschreckt durch Atombombe und Umweltzerstörung, konstruierte Sedlmayr Parallelen zwischen extremer Flurbereinigung in den USA und der reduzierten Malerei der Abstraktionen Mondrians. Leider erreichte Martin, den ich als einen essigsauren Typ empfand, nicht Sedlmayers Format, der immerhin die Möglichkeit offen ließ, daß aus der konstatierten Krankheit des ewig wurschtelnden Hegelschen Weltgeistes wieder etwas Positives entstehen könne. Doch für Gosebruch, Meister des kontextlosen Geschwätzes, war die Kunst mit Erreichen des Expressionismus am Ende. Für mich ging es dagegen gerade los. Und so kam er in einer Studium-generale-Vorlesung über “Moderne Kunst” auch nach 45min nicht bis zu zeitgenössischer sondern verharrte in der Renaissance. Also sah ich mich gezwungen, mit meinem Aufzieh-Frosch unter der Bank geistige Bewegung zu erzeugen. Ergänzt duch rumgereichte Räucherstäbchen war das dann das Ende der Vorlesung, die eher als Teil eines Kreuzzuges angelegt war.
Mein persönliches Pech: Martin war 1965 auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der TU in Braunschweig gesetzt worden, wo ich 1967 an der Kunsthochschule mein Kunstpädagogik-Studium begann. Zu diesem Zeitpunkt konnte man nur bei Gosebruch ein Kunstgeschichts-Examen absolvieren. Also begab ich mich in seinen muffigen Seminar-Raum, dessen Fenster 2x45min ohne Pause verdunkelt und geschlossen blieben. Als ich vorzuschlagen wagte, doch wie allgemein üblich zwischendurch eine Pause mit Lüftung zu machen, muß das ein Sakrileg für Martin gewesen sein, zumal er vermutete, daß ich einer der Köpfe des revolutionären Widerstands gegen ihn war. So kam es zu seiner gehässigen Reaktion, und mir war damit die Zukunft verbaut. Noch heute bewirken derartige Angriffe bei mir nur, daß ich anfange, die Steine, die man mir in den Weg legt, hartnäckig genauer zu untersuchen. Das ging Prof. Brian Victoria mit seiner Kritik am Zen-Buddhismus genauso. Deshalb wurde ich als Mitglied im ASTA wirklich einer der Köpfe. Aber wie dann der Qualm von Knallkörpern aus den schließlich doch geöffneten Fenstern des Seminar-Raums drang – DAS war ich wirklich nich!
Professoren präsidierten damals – heute ist das sicher ganz anders – im günstigsten Fall als Fachleute für ihren Bereich, konnten jedoch als Lehrer völlige, kaum kündbare Nieten sein. Als die Lage für uns Kunststudenten an der TU unerträglich wurde, erlaubte das Kultusministerium in Hannover Dr. Thomas Dexel (1916-2010), einem harmlos-lieben, aber zum Vortrag unfähigen Mann, unsere Prüfungen durchzuführen. Dexel, wie Gosebruch Nachfolger eines berühmten Vaters, konnte keine 5min referieren, ohne sich zu verhaspeln. In einem Stil, bei dem man beim besten Willen nicht wachbleiben konnte. Auch das Lachen mußte man sich verkneifen – für mich damals besonders schwierig. Sogar Sedlmayr sah als erste Anzeichen einer beginnenden Heilung den “gleichsam kosmischen Humor”. Doch verlor ich jegliches Interesse an Kunstgeschichte. Erst als ich selber lehren mußte, fing ich an, alle meine beträchtlichen Lücken zu füllen.
Wie wird man einst die Kunst unserer Zeit pauschal bewerten? Daß es in einem inflationistischen Angebot nur noch Variationen des bereits Erfundenen, des Alles-ist-möglich gab? Jedenfalls begriff ich im Laufe der Zeit, wie man immer erst hinterher versteht, was passiert ist.

Reise auf Fischen

fischreise

“… oder ist es vielleicht so, daß sich die Leute zu kleinen Hitlern entwickeln, kaum daß sie mit Kunst in Berührung kommen?”
Alfred Hrdlicka

Hitler, der sich mit seinem spießigen Dilettantismus leider nicht hatte durchsetzen können, hätte ihn am liebsten sterilisieren lassen, obwohl er kein Jude war sondern schlicht aus Niedersachsen stammte. Doch nicht nur die “erwachten” Deutschen verspotteten die “gemeinen Zoten” des “Kunstbolschewisten” Max Beckmann (1884-1950). Für ihn war jede Verzerrung der Anatomie erlaubt, wenn sie einer einheitlichen Form diente. Die Gegenausstellung zur “Entarteten Kunst” 1938 in London wurde vom englischen Kunst-Publikum als “zügellos” empfunden, und noch 1968 sprachen französische Kritiker von “kreischenden Verzerrungen”. Erschwerend für den Betrachter ist noch heute Beckmanns Verwendung kabbalistischer, theosophischer und hinduistischer Symbole. Abgesehen von dem okkulten Quark, bietet hinduistische Kunst, solange man nicht an die Inhalte glaubt und in Volkshochschul-Kursen Chakren schüttelt, einen SEHR attraktiven Formen- und Ideen-Reichtum. Die Reise vom trügerischen Schein des Lebens zu den wesentlichen Dinge bildete den Antrieb für alle seine Werke. So bekommt es dem Kunst-Genuß nicht wirklich, die Bedeutung der Symbole des Ölgemäldes “Reise auf Fischen” (1934) festzulegen. Allein für das Lieblings-Symbol des Malers, den Fisch, gibt es widersprechende Bedeutungen. Nicht mal über die Größe des Bildes herrscht Klarheit. Der Inhalt dominiert zwar seine Bilder, dem sich die Form unterzuordnen hat, verständlich kann er jedoch nur dem sein, der “ungefähr den gleichen metaphysischen Code” wie Pessimist Beckmann in sich trägt, der Gott trotzen wollte – oder sich einfach sensualistisch an der kraftvoll-konzentrierten Malweise erfreut. Freund und Biograph Stephan Lackner neigte dazu, den Inhalt wie das Paar auf den Fischen festzuzurren. Obwohl Beckmanns zweite Frau Mathilde Kaulbach (“Quappi”) fest zu ihm stand (Da hatta aba Glück gehabt!): “Eine unheimliche Fahrt ins Verderben. Die Frau scheint der sausenden Abfahrt noch ein gewisses Vergnügen abzugewinnen, neugierig schaut sie hinunter in den Abgrund. Der Mann hält sich in Vorahnung der Katastrophe die Augen zu, und er spreizt die Füße, als ob er damit den Flug bremsen könnte.
Die Frau hat sich die Maske des Mannes [Beckmann] vors Gesicht gehalten, und er die ihre: sie haben beide mit hohlen, schattenhaften Illusionen gelebt. Aber ihre eheliche Verbundenheit war keine Illusion, gemeinsam stürzen sie dem Verhängnis entgegen. Die Fische, seelenlos glotzend wie das Schicksal, sausen raketenhaft unaufhaltsam dahin. Die Triebe reißen die Menschen hinab in den Hades … Die männliche und weibliche Maske sind die Kennzeichen, was hier gespielt wird, sie erinnern an … Glücksspiel. Aber diese zwei Menschen haben bereits verspielt.” Unten wartet schon Charon. Nich die 16jährige Charon, die gerade dringend den 17jährigen Ridel heiraten mußte, sondern der mit dem Fährboot.
Und was hätte Max dazu gesagt? “Aha, hm, hm, so, na, tja.”
Mit 66, nachdem er sich “in einem Straßenspiegel alt und schäbig” fand, bricht er auf einer Straße in New York zusammen. Ich bin schon 67. Da happich aba Glück gehabt. “Das Leben ist ein Spiel, das von Anfang an verloren ist.” (Beckmann 1945)

Wiedergänger

squaw

“Vom Kongreß, dem Weißen Haus und von Menschenrechtsgruppen hören wir ständig Klagen über Völkermord oder die Benachteiligung dieser oder jener Gruppen. Aber kein Volk ist je so schlecht behandelt worden wie die amerikanischen Ureinwohner … Nachdem ihnen ihr Land weggenommen worden war und die ausgelaugten Überlebenden … in Reservate getrieben worden waren, schickte die Regierung Missionare von sieben oder acht Konfessionen dorthin … Die Missionare teilten die Reservate unter sich auf wie einen Kuchen. Sie stahlen Indianerkinder und schickten sie auf religiöse Akademien … wo sie geschlagen wurden, wenn sie ihre eigene Sprache sprachen … Wenn sie überhaupt einen Gedanken auf die Indianer verschwenden, dann haben die meisten Amerikaner eine Collage aus Filmbildern im Kopf … Der Angriff auf die Indianer wurde bis ins zwanzigste Jahrhundert fortgeführt, aber auf andere Weise … Seit seinen Anfängen diffamiert Hollywood die Indianer in Filmen … John Wayne hat den Indianern wahrscheinlich mehr Schaden zugefügt als General Custer … eines der einzigartigen Charakteristika des Menschen [ist] seine Beeinflußbarkeit. Ein anderes ist der Drang, Mythen zu schaffen und an sie zu glauben … [die Wertsysteme] repräsentieren keine Wahrheit, sondern produzieren Eindeutigkeit … so nehmen sie den Platz des Wissens ein, indem sie die Mutmaßungen anderer in Dogmen verwandeln.
Ich hatte mein ganzes Leben versucht, Gutes zu tun, aber … es gibt Probleme, zu deren Lösung ich nichts beitragen kann … Im Namen der Religion und der Dogmen sind mehr Menschen umgebracht worden als aus irgendeinem anderen Grund … und immer noch klammern wir uns an die überholten Mythen von Gut und Böse aus Bibel und Talmud … Nichts hat den Menschen je gut gemacht. Ich habe Millionen von Dollar verschenkt, aber mittlerweile ist mir klar, daß der größte Teil davon den Menschen, denen ich das Geld zugedacht hatte, nichts genutzt hat … Die letzten Reste meines Optimismus hinsichtlich der Entwicklung der Menschheit konzentrieren sich auf den Glauben, daß die genetische Veränderung … die einzige Lösung für das darstellt, was Hannah Arendt die Banalität des Bösen genannt hat.
Wenn man mich geliebt und sich um mich gekümmert hätte, wäre ich ein anderer Mensch geworden.”

Marlon Brando (1924-2004), “Mein Leben”, 1994

Wilde

“The Revenant” (2015)