Warum verließ sie ihn?

Anahareo

„Anstrengungen binden und formen eine Gefährtenschaft, die Behagen nie bewirken kann.“ Walter Bauer, „Wäscha-kwonnesin – Der weiße Indianer“

Archibald Belaney (1888-1938) war ein Hochstapler wie Karl May und Petra Hinz. Er trat in Kanada unter dem Namen Wäscha-kwonnesin (Grey Owl) als Halbblut auf, angeblich Sohn eines Schotten und eines Apachen-Mädchens. Tatsächlich wurde er als Engländer an der Kanalküste geboren. Doch das Trapper-Leben in den Wäldern machte ihn zu dem, was er sich erträumt hatte. Kanada „war ein Land, in dem man erwachte. Aber man wußte es erst, wenn man ankam … Langsam erhielt er Spuren des Wissens zurück, das in den Zeiten des Morgengrauens menschlicher Geschichte jeder besessen hatte … Hier wurde man stärker – wenn man es wollte“. Es gelang ihm, das Alleinsein zu ertragen, das der natürliche Zustand in den Wäldern war. Er versuchte, zur Einheit des Lebens zurückzufinden und sich wie ein Indianer in der Natur geborgen zu fühlen. Es war ein Verlangen nach einfachem Leben, das seine Gesetze sichtbar zeigte, frei von den Verfälschungen und Lügen der Zivilisation. ER war der Wilde und nicht seine junge Mohawk-Iroquois Gertrude Bernhard oder Anahareo, die in einem Hotel gearbeitet hatte und katholisch erzogen worden war. Zwar brachte sie ihn dazu, sich vom Jäger zum Tierschützer zu entwickeln, doch fand sie sein Leben nicht so romantisch wie im Kino. Immer nur mit Bibern reden, hielt sie nicht aus. Seinen Suff schon gar nicht. Da wollte sie lieber wieder das gesellige Leben einer Kellnerin führen und verließ ihn mit der gemeinsamen Tochter. „Manchmal wurde es dem einen klar, daß er etwas wollte, was ihm der andere nicht geben konnte. Aus einem winzigen Riß von Fremdheit wurde ein Spalt, dann ein Abgrund.“
„Es war schwerer, allein zu sein, wenn vorher jemand dagewesen war … er fühlte sich stumpf und leer. Anahareo hatte ihm viel mehr gegeben, als sie je würde wissen können. Ohne sie wäre in seinem Leben alles anders gegangen.“ Nun lebte er weiter, wie er leben wollte. Wie vorher saß er wieder lange in der Stille der Wälder und beobachtete die Tiere – allein, aber nicht mit dem Gefühl von Einsamkeit. „Wenn man allein ist, sieht man die Dinge in ihrer Tiefe; man lebt intensiver.“ Dies war seine Welt, nicht die der Wilden, die alles Künstliche exotisch finden und glauben, ohne 2 Handphones nicht mehr leben zu können.
Mit 50 versuchte er es noch mit einer jungen Halbblut-Indianerin, doch starb er als ein für Naturschutz kämpfender Schriftsteller an Lungenentzündung.

Zieht das deutsche Künstler-Ehepaar Durstewitz von Hamburg aufs Land nach Schneverdingen, bekommt die Frau die Krise: „Wenn ich eine Woche mal nicht in Hamburg war, habe ich das Gefühl: Ich muß da jetzt hin!“
STÖHN!

Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen

ueberzeugendsw

„Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich? Wenn ich nur für mich selbst bin, was bin ich?“ Jörg Fauser (1944-87)

Als sich Jörg Fauser 1984 für den Ingeborg-Bachmann-Preis bewarb, wurde er nach seiner Lesung von Marcel Reich-Ranicki heftig kritisiert: Sein Text passe nicht in den Wettbewerb, weil er ohne den geringsten literarischen Ergeiz geschrieben sei. Fauser arbeite mit Klischees, mit Kunst habe das nichts zu tun. Außerdem habe Reich-Ranicki über die Zwiespältigkeit eines Charakters schon bei Goethe gelesen. Gesprochen von einem, der einst bei der polnischen kommunistischen Geheimpolizei die Zensur organisierte. Walter Jens, der sich nicht mehr an seine NSDAP-Mitgliedschaft erinnern konnte, obwohl er Begriffe wie „entartete Literatur“ gebraucht hatte, pflichtete ihm im Militär-Hemd bei. Literaturkritik in ihrer „hinterhältigsten und erbärmlichsten Gestalt“ (Michael Köhlmeier).

Nicht dazu zu gehören war ein Grundgefühl für einen Teil meiner Generation jener Jahre. Die Drogen-Erfahrung katapultierte uns aus allem raus, was uns anerzogen worden war. Nicht nur im Kulturbetrieb waren viele Positionen noch mit alten Nazis oder deren Mitläufern besetzt. Spätestens als sich ein Teil der Jugend demonstrativ vom ausgeleierten Schrott abwandte, verdeutlichten sich die Grenzen von Demokratie und Toleranz in ihrer ganzen Häßlichkeit. Wer für den bundesrepublikanischen Mief ungewohnte Drogen konsumierte, wurde plötzlich zum Kriminellen. Saufen war in Ordnung, und so soff sich Fauser zumindest politisch korrekt zu Tode. Doch wie sollte das aussehen, wenn man drüber schrieb, und wer war dafür überhaupt kompetent? „Ich hab den Text als Frau gelesen“, meinte Klara Obermüller und war auch abgeneigt. Na sowas! Solche Typen tauchen auch in den Texten Fausers auf: „… und das Sexuelle, mußte man das so kraß aussprechen, es war ja fast irgendwie frauenfeindlich.“  („Rohstoff“, 1984). Waren die Reaktionen vielleicht deshalb so heftig, weil Fauser den Literatur- und Betroffenheits-Betrieb in der BRD zynisch darstellte? Der verfettete Peter Härtling, der auch nicht wirkte, als ob er schon über Wein hinausgekommen war, bemängelte Fausers Figurenschilderung, die an Denunziation grenze, Gefühl banal und gemein mache. Und wenn es genau das war, wie man die Umwelt auf dem Trip – und nicht nur dabei – erfuhr? Äußerte sich auch Jury-Mitglied Gertrud Fussenegger, die schon 1934 durch ihre Hitler-Begeisterung auffiel? Die drogensüchtige Ingeborg Bachmann (1926-73) hätte gegen DIESE Jury wahrscheinlich vehement protestiert.

Es war mein dringendes, jedoch irrendes Gefühl, in den 60ern einen historischen Moment mitzuerleben, in dem etliche Charakter-Masken runterzureißen waren: „Die herrschenden Cliquen hatten die Bälle jetzt endgültig unter sich verteilt – die Rechten das Business, die Linken die Kultur, wer da durch den Rost fiel, blieb für immer unten … Revolutionen waren Schwindel. Eine herrschende Schicht wurde durch eine andere ersetzt, und der Kultur-Apparat spuckte die Leitartikel dazu aus.“ Doch wie konnte ich meine Visionen denen verständlich machen, die in ihrem dumpfen Suff Inhalt und Form nicht auseinanderhielten und sich im Bereich Drogen als totale Ignoranten enttarnten? Es war nicht nur die Form, die ihnen nicht paßte, sondern Inhalte, die sie nicht verstanden, sehr weitgehende Befreiung, gegen die sie sich wehrten: „Außerdem kam es ja wohl darauf an, was einer schrieb. Und da, fand ich, hast du einen Vorsprung, wenn du bei dem bleibst, was du gesehen hast.“ Wenn sich Fauser im „Paradiso“ in Amsterdam nicht wohlfühlte, dann wußte ich zumindest, was er gesehen hatte. Das Unangenehme an seinen Beschreibungen war doch nur, daß er wie Henry Miller, Kerouac, Burroughs und Fallada keine Erlösung auf dem selbstzerstörerischen Weg nach unten aufzeigte, und es fraglich blieb, inwieweit dafür die Gesellschaft verantwortlich zu machen war. Am Ende stand im jeden Fall der Tod, aber der Weg dorthin mußte nicht unbedingt durch die Hölle führen. Deshalb war für mich Landleben die einzige Alternative. Die Stadt bot in ihrem ständig variierenden Angebot nur entfremdete Arbeit und promiskuitive Sinn- und Ruhelosigkeit. Dagegen zeigt dir die Natur genau, wo’s langgeht. Die Erfahrungen von Winter, Sturm, Ernte, bodenlosem Moor und dem Verhalten der Tiere bedürfen keiner Interpretation, was wirklich ist. Das alle Schwierigkeiten daher kamen, „daß Frauen nicht allein sein können“, wußte ich damals noch nicht. Auch ahnte ich nichts von den Verheerungen, die die „sozialen“ Medien in ihren Hirnen anrichten würden. „Einem Mann die Liebe wegzunehmen war so gut wie Mord, aber mit einer Schreibmaschine konnte er ihn überleben … Aber Haß, den man runterschluckte, machte angeblich Krebs.“

Wer wird über die Literaten der Pokemon-Generation zu Gericht sitzen und ihnen sagen: Leute, ihr habt NICHTS erlebt, was nich aus der Dose stammt! „Eine ziemlich langweilige Welt … Vielleicht brauchst du auch ein Mexiko. Vielleicht nicht das Mexiko, wo ich hinfahre, sondern ein anderes Mexiko, aber irgendein Mexiko brauchen wir alle.“

Traumlandschaft

arnstadt

„Der zivilisierte Mensch ist der Bauer, der bei der Arbeit denkt. Je mehr man in den großen Städten lebt, desto tiefer versinkt man im Dunkel der Barbarei, der Dummheit und der Perversion.“ Vincent van Gogh

SO musse sein, hügelich aba übasichtlich. Ob der Zeichner auf einem hohen Berg stand, weiß ich nich. Jedenfalls hatte man 1892 für die „Seydlitzsche Geographie“ der „Könichlichen Unitäts- und Verlags-Buchhandlung“ in Breslau noch keinen Hubschrauber zur Verfügung. Der Holzstich zeigt die Gegend von Arnstadt an der Gera in Thüringen, das „grüne Herz Deutschlands“, wo Johann Sebastian Bach und die Bratwurst erfunden wurden. In dem kleinen Haus am unteren Bildrand wohne ich. Man kann mich davor mit meiner Pionier-Frau erkennen. Sie iss eine, der nie langweilich wird, die starke, lungenschonende Hanf-Kekse backen und mit der man Holz hacken kann. Das muß sein, denn wir heizen und kochen damit. Einmal die Woche besteigen wir unsere Pferde und reiten zum Supamarkt nach Arnstadt. Dort binden wir sie am Geldautomaten an und beladen die Packtaschen mit Schokolade, Müsli, Rosinen, Joghurt, Käse und Bratwürsten. Eventuell wandern wir auch nur bis zur Gera und lassen uns dann mit einem Boot zur Stadt bringen. Sonst, wenn wir gerade nix zu tun ham, Haus- und Garten-Arbeit geschafft und die Tiere versorgt sind, sitzen wir auf dem Berg, rauchen und kucken in die Ferne. Ein Meer im Hintergrund wär auch nich schlecht, aba man kann ja nich alles ham.
Rechts und links neben dem Haus haben wir Apfel-, Kirsch-, Pflaumen-, Birn- und Wallnuß-Bäume in den fruchtbaren Boden gepflanzt, dahinta befindet sich unsa Hanf-Feld. In dem umzäunten Ziergarten vor dem Haus blühen bunte Astern. Auch leisten uns Ziegen, Hühner und Katzen Gesellschaft. In den Häusern unserer Nachbarn wird Spielzeug in Heimarbeit hergestellt. Da muß die ganze Familie helfen, Holzpferde zu schnitzen, Teddybären zu stopfen, dem Kasper das Gesicht zu malen oder Puppen bewegliche Augen einzusetzen. Bauern versorgen uns mit selbstgebackenem Brot und frischer Milch. Auf dem Weg nach Arnstadt trifft man ab und zu Glasmacher, die zur Weihnachtszeit in ihren Körben Christbaum-Schmuck anbieten. Den brauchen wir nich, doch hängen wir uns dunkel-violette Glaskugeln und blinkende Prismen vor die Fenster-Scheiben. Wenn draußen alles weiß iss, und uns drinnen der Kaminofen wärmt, stehen Rehe vorm Fenster und staunen. Kommt der Frühling, tanzen wir mit Chopins „Frühlings-Walzer“ den Hügel hinab. Telefon und TV besitzen wir nich. Wir erzählen uns statt dessen Geschichten und lesen viel. Ach jaah – damals in Thüringen!

borchelhof

 

borchkuech