Der rote Stein

bora

Wenn du als Waldschrat lebst und dir anhörst, was der Wind zu sagen hat; wenn dir ein gefundenes Wurzelstück tiefgehendere Unterhaltung verschafft, als ein TV-Film, in dem Autos kaputtgemacht und ständig Telephone benutzt werden; wenn du keine Vorhänge brauchst, weil Sonne und Mond hereinschauen sollen; wenn du einen freien Horizont genießen kannst; wenn du von niemandem außer dem Staat belästigt wirst, weil du dein Leben gründlich vereinfacht hast; wenn du nur lange genug an einer Stelle sitzenzubleiben brauchst, bis sich wilde Tiere einstellen, die sich um deine Äpfel, Kastanien, Nüsse und Beeren streiten; wenn der Holzstoß und der Rauch aus deinem Kamin anzeigen, wie du für den Winter gewappnet bist; wenn du die Eule im Wald triffst; wenn du das Flügel-Rauschen der Wildgänse über dir vernimmst – dann bist du zuhause. Dort findest du den roten Stein, den Stein des Anstoßes, der dich in die richtige Richtung schubst. Du mußt das allein tun, es läßt sich nicht teilen.

Als sie anfing, nur noch zu telephonieren, die Nacht hindurch; als sie begann, ihr Leben mit den unsozialen Medien zu strukturieren; als sie sich nur noch um den Zustand ihrer diversen Kommunikations-Geräte sorgte, nur noch raus in die Natur ging, um besseren, ungestörten Empfang zu haben, um Personen zu treffen, die er nicht kannte, ihn dabei wie einen Hund behandelte („Bei Fuß! Gib Pfötchen!“), den man aus Gewohnheit füttert, sofern er das nicht selbst besorgen mußte, weil sie tagsüber kaum noch anwesend war; als sie das Buch, an dem sie schon ein Jahr lang rumgelesen, das man jedoch an einem Nachmittag durchbekäme, neben ihr Handphone legte, um den Eindruck zu erwecken, sie lese anstatt zu twittern, was sie den ganzen Tag tat, ihn aber nicht darüber informierte, was sie unternahm, oder mit wem sie stundenlang telephonierte; seit sie ihn täuschte, belog und betrog – vor allem sich selbst – wußte er, daß seine Zeit abgelaufen war im fremden Land, daß er zurückzukehren hatte, um zu sehen, ob er den roten Stein wiederfinden könne.
Das Glasmännlein hatte ihn jedenfalls gewarnt.

„To be alone, though, is not the same thing as loneliness. Is there anything lonelier, after all, than lying next to a person who doesn’t love you, and knowing that they never will? Sometimes, it’s healthy to tell the outside world to go to hell. Sometimes, for the sake of one’s integrity, one’s sanity, you need to say no. I will not, I am not, I won’t – but what won’t you do? Where is the line? To be alone, you need to know who exactly you are …
But why would anyone want to be alone? Try it for a moment. Lock yourself in another room, one entirely without the presence of other people, other voices. Disconnect your internet, turn off your phone. Allow yourself, for just a few minutes, to let the poses fall away. The angles. Let your public persona, so exhausting to maintain, disappear.”
http://aeon.co/magazine/society/where-are-all-the-women-hermits/

https://www.youtube.com/watch?v=wzZOsl8KiwM

Extrem-News für Holzköpfe

Holzkopf

Sigmund Schuster (*1954) ist Bauingenieur, Baubiologe und Bewußtseinstrainer. Letzteres war mir neu. Daß er auch „NaturKraft“-Fertighäuser verkauft, wird im Interview nich erwähnt, sondern es geht um sein Buch „Die Lichtkraft des Baumes“, die Sigmund „spürt“, auch dessen Heilwirkung. Diese Gabe sei ihm „gegeben“. Die verborgene geistige Welt hat er als Beweis in sich, da brauche man keine weiteren. „Ich bin völliger Natur-Wissenschaftler.“ Und deshalb werden die Beine der Tahu-Produzentin Mbak, die aufgrund einer Nieren-Erkrankung geschwollen sind, ja auch mit Holz bestrichen. Falls das ebenso wie die pfingstlerische Gesundbeterei nix nützt, kommt sie danach in einen Holzsarg. Sie leidet viel unter Ängsten, von denen auch im Interview die Rede ist. Ängste seien es ja eigentlich, die Krankheiten hervorrufen. Und da wir nur noch 4% unseres Lebens im Freien verbringen, den Rest im Beton, isses ja kein Wunda, daß Sigmund so verfettet iss, und wie die „innere Unruhe“ des Betons auf uns einwirke, obwohl man sich gerade bei unruhigen Erdbeben recht gut auf richtich produzierten Beton verlassen kann. Ein Kind in einer unflexiblen Beton-Schule werde unruhig und könne sich nich entfalten. Doch weiß Sigmund Abhilfe: Seine angebotenen Fichten-Balken, in der Nähe des Schlafplatzes eingebaut, lassen das Schwingungsfeld des Waldes auf unsa Gehirn einwirken. Dazu braucht man jedoch alte Bäume, die man nach Richtlinien, die er entwickelt hat, sanft und mondgerecht zu fällen habe. Man darf sie nich technisch trocknen, sonst wird das Schwingungsfeld beschädigt. Bei Honich sei das auch so. Wenn wir also die Eigenschaften des alten Baumes, wie Würde, Stabilität, Aufrichtigkeit, Reife und dessen erweiterten Horizont auf uns übertragen wollen, müssen wir uns mit Sigmunds Fichten-Balken umgeben. Deshalb bin ich ja auch so erleuchtet, weil ich das schon seit 38 Jahren mache, früher mit Eiche, inzwischen mit Tropenholz, das unvergleichlich viel edlere Qualitäten besitzt, als dieses lumpige Industrie-Fichten-Holz, das ja nu wirklich das Jämmerlichste iss, was der deutsche Wald zu bieten hat. Wenn man die Fachwerk-Häuser im 18.Jahrhundert aus Fichte anstatt Eiche gebaut hätte, wären für mich zum Wiederaufbau im 20. gakeine mehr übrichgeblieben. „Ich bin ein Fan von alten Bäumen“, sacht Sigmund. Weshalb sägt er sie dann um? Ich laß gerade die imma stehn und hau die jungen um. Danach bekommen die alten mehr Wind-Druck und kippen auch noch. Sigmund baut seine Balken so ein, daß wir uns im Stamm-Mittelpunkt, also im Kern alles Guten befinden. Das iss sehr vernünftich, weil so ein Holz, besonders ein 30cm breiter und 12cm dicker Balken, abgesehen vom Schwund, im Gegensatz zum Beamten arbeitet. Er verzieht und biegt sich beim Trocknen entgegen der Ring-Richtung und verschließt im günstigsten Fall die Fuge nach innen. Deshalb muß Sigmund die Außenseite seiner „vollwertigen“ Wände mit Spanplatten bedecken, die echte Natur-Wissenschaftler wegen der Harnstoff-Formaldehyd-Ausdünstungen des Kunstharz-Bindemittels und mangelnden Stabilität für ökologisches Bauen ebenso ablehnen wie den Einsatz im Möbelbau. Der Ikea-Möbelschrott besteht überwiegend aus solchem Kunstholz ohne Schwingungsfelder. Jedoch: „Die Menschen merken’s nicht!“ sacht Sigmund, meint aber nich seine Spanplatten. Er hat „so viele spirituelle Erlebnisse“, daß er sogar parallel in der körperlichen und der Seelenwelt lebe. Dabei isser eigentlich nur Sprachrohr. Wessen, bleibt offen.
Die von seiner Firma angebotenen Wände sind innen außerordentlich schön, ich wär jedoch nich bereit, auch nur 1EUR für den esoterischen Mehrwert zu bezahlen, zumal sie zwar gut isolieren, aber nie den Temperatur-Ausgleich einer dicken Ziegelwand bieten können. Termiten sind jedenfalls von solchen „NaturKraftHäusern“ begeistert.

https://www.youtube.com/watch?v=FsNkyrL-B8Q

Kleine Kabine

Kleinhaus

1978 wurden in den USA vorfabrizierte Repliken von Thoreaus Hütte für mehr als 3000USD angeboten – was ihn wohl bestätigt hätte in seiner Sicht der Verhältnisse, auch wenn manche ihn für einen falschen Gelegenheits-Eremiten halten: „You know, Thoreau was a hypocrite – he told everyone he was a hermit, but he came home every day to get his laundry done!”

„Der Mensch sollte mit ebensoviel Fug und Recht sein Haus bauen wie der Vogel sein Nest. Wer weiß, ob nicht, wenn die Menschen mit eigener Hand ihr Haus bauten und sich und die Ihrigen auf einfache und ehrliche Weise mit Nahrung versorgten, die poetischen Fähigkeiten allgemein entwickelt würden? … Wollen wir denn ein für allemal das Vergnügen des Bauens dem Zimmermann überlassen? … Wo soll diese Arbeitsteilung aufhören? Und welchem Zweck dient sie schließlich? Kein Zweifel, ein anderer kann für mich denken; es ist aber deswegen doch nicht wünschenswert, daß er es tut und mein selbständiges Denken ausgeschlossen wird.“
Henry David Thoreau, „Walden