Saure Milch

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Die Gemälde des Jan Vermeer van Delft sind gefährlich. Soll es doch etliche Betrachter gegeben haben, die in der Konfrontation mit seinen Werken nicht nur den Verstand sondern auch die Fassung verloren. Proust bekam einen schweren Asthmaanfall und eine Romanfigur starb am Schlaganfall. Doch wirklich unangenehm sind all die Versuche, seine Arbeiten bildanalytisch so zu verquirlen, daß die Milch zu Butter wird. Einen besonderen Quark erzeugte hierbei Gerhard Ulrich, „vormals Professor an der Kunsthochschule Berlin“. In seinem Buch „Welt der Malerei“ (1962) versuchte er in einer Beispiels-Analyse das kleinformatige „Milchmädchen“ (De keukenmeid) zu verbuttern und dadurch „neue und unerwartete Tatsachen ans Licht“ zu bringen: „Die tiefe Höhlung des Kruges ist dabei zu der hohen Vorwölbung der Stirn in Gegensatz gebracht.“ Doch soll der genau beobachtende Betrachter noch durch weitere „merkwürdige Funde belohnt“ werden: „Der weiße Milchstrahl ist in seiner Senkrechten durch viele andere verborgene Senkrechten unterstützt und begleitet. Er rinnt nicht allein. Die Fenstersenkrechten rinnen ebenfalls mit … .“ Gründlich entrinnt ihm dabei seine deduktive Kompositions-Analyse: „Man verlängere nur einmal die Fluchtlinien des Fensters und entdecke, an welcher wichtigen Stelle deren Schnitt- und Fluchtpunkt liegt! Wie bei allen wirklich großen Vermeers ist auch dieses Bild durchsetzt von einer leidenschaftlichen und sublimen Geometrie … .“

Kompositionsquark

Ulrich erklärt dabei keineswegs, was die Wichtigkeit seines Schnittpunkts semantisch rechtfertige. Eventuell der Bauchnabel der Magd? Isse vielleicht schwanger, weil der Hausherr auf sie stieg? MEINE roten Kompositionslinien kommen zu einem diffusen, aussagefreien Ergebnis. Die perspektivischen Linien treffen sich nicht da, wo Ulrich es gerne hätte. Bei allem Vorbehalt gegen die mir zur Verfügung stehende Abbildung erscheint der Tisch perspektivisch sogar grob falsch.
Zu welchem inhaltlichen Ergebnis kommt Ulrich nach 11 eng bedruckten Seiten? Vermeer ist „ein echter und großer Maler“, dem es gelingt, „sein gesamtes Wesen in Malerei zu übertragen … Der alltägliche Augenblick ist mit Ewigkeit verknüpft“. Die „zufällige und fast photografische Wirkung seiner Ausschnitte“ sei „trügerisch“. „Geheimnisvoller aber und sicherer sind in der Malerei die abstrakten Wirkstoffe kaum je unter einer scheinbaren Vortäuschung der vertrautesten Wirklichkeit verborgen worden.“ Eventuel könnte „die still glimmende Kohle des Fußwärmers“ noch symbolische Bedeutung haben. „Unerklärlich bleibt aber trotz allem, von welcher Macht ausgerüstet Vermeer – von dem wir so gut wie nichts wissen außer dem, was seine Bilder uns zu verraten scheinen – … warum er eines der großen Wunder der Malerei geschaffen hat.“ Aha! Deshalb hat sich Adolf wohl 1940 Vermeers „Die Malkunst“ gekauft.
Da wurde mir die Milch sauer, denn dieses Nichtwissen war bis Ende der 60er Jahre geradezu Standard in der genial verblödeten Bildanalyse. SO unwissend wie Ulrich sind wa nämlich nich! Weder hat Vermeer „nie“ was verkauft, sondern er verarmte erst als Folge der französischen Invasion Hollands, noch waren seine Kompositionen nur eigenschöpferisch. Vermeer benutzte die Camera obscura und hatte Netzrahmen, Spiegel und Storchenschnabel zur Verfügung. Die Verwendung eines photografischen Apparats erklärt nicht nur die außerordentliche Genauigkeit der Abbildung, sondern auch das unkünstliche Nicht-Zusammentreffen der Kompositions-Linien – und die Langweiligkeit des Bildes. Höhepunkte der verwirrten Analyse holländischer Genre-Malerei sind jedoch die fehlinterpretierten, weil heute nicht mehr als solche erkennbaren Bordell-Szenen, wie etwa Vermeers um 1661 enstandene „Herr und Dame beim Wein“.

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Voll im Suff

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Am liebsten hätten die Kommunisten in ihrer Gründungsphase auch die freie Liebe verboten, denn nichts sollte die Energien für den Klassenkampf absorbieren. Zumindest mit dem Kampf gegen den Alkoholismus haben sie es erfolglos versucht. 1907 waren etwa 12% der Bevölkerung des Deutschen Reichs Alkoholiker. Alljährlich landeten ~5000 Alkohol-Wahnsinnige in den Irrenhäusern. Doch scheiterte man in der Konfrontation an der Macht der konventionellen Trinksitten. Bis heute wird der mißliebig, der den Mut hat, bei den dafür vorgesehenen Gelegenheiten keinen auszugeben. Selbst im akademisch besetzten Lehrerzimmer – was mir als überzeugtem Außenseiter schnurzegal war. Mein Moordorf erreichte mit seinen Suff-Festen sogar mediale Berühmtheit. Die deutsche Sprache soll allein 190 Ausdrücke und Bezeichnungen für Trinken und Betrunkensein aufweisen. Und so wollten auch die Führer der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung von einer Bekämpfung des Alkoholismus nichts wissen. Man war vielmehr der Ansicht, das Wirtshaus sei bedeutend für das politische Leben des Proletariats und sah die Temperenz-Bewegung als Gefahr für den Emanzipations-Kampf an. Die „Leipziger Volkszeitung“ schrieb 1905, daß Alkohol-Genuß dem erwachsenen arbeitenden Menschen Anregung und Frieden, körperliche und geistige Elastizität gäbe. Das Problem lag aus Sicht der Sozialdemokraten in den ungünstigen gesellschaftlichen Verhältnissen. Mit deren Verbesserung in einer fernen Zukunft würde auch das chronische Saufen aufhören. Während selbst die Bourgeoisie an Gegenmaßnahmen arbeitete, in dem sie z.B. den Zusammenhang zwischen Suff und Arbeits-Unfällen erkannte, schmetterten die Sozialdemokraten alle diesbezüglichen Anträge ab, und Parteiführer setzten sich demonstrativ vor ihr Schnapsglas. Erst nach Branntweinsteuer-Erhöhungen versuchte der Leipziger Parteitag 1909 seine Mitglieder erfolglos zum Alkohol-Boykott zu motivieren. Stattdessen standen Partei-Lokale, Volks- und Gewerkschafts-Häuser völlig im Zeichen des Alkoholismus. Bis heute ist das Leben in D in all seinen Formen ohne Alkohol nicht mehr denkbar, und es ist bisher nicht gelungen, eine rationale Drogen-Gesetzgebung in Kraft zu setzen, die dem bereits etablierten Kulturwandel Rechnung trägt:
Der Erkenntnis, daß keine Verbesserung der Lebens-Verhältnisse mit dem Mehrwert des Drogen-Rausches konkurrieren kann. Um dem zu begegnen, müßte eine völlig veränderte (gesamtgesellschaftlich utopische) Lebenseinstellung wirksam werden.
Daß der Genuß der nicht minder traditionellen Hanf-Produkte erheblich harmloser (und billiger) ist als Alkohol. Man also nicht die gefährlichere Droge gesellschaftlich sanktionieren und die harmlosere verbieten kann, ohne auf dem irrational-autoritären Niveau eines Entwicklungslandes zu verharren.

Bedingungen der Armut

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Zu den beindruckendsten Büchern meiner Jugend – ich fand es 1967 als Student an einem Stand in der Hauptbahnhofs-Vorhalle in Hildesheim und nicht auf der Literatur-Liste, die ich von meinem Deutschlehrer bekommen hatte – gehörte „Die Kinder von Sanchez“ von Oscar Lewis (1914-1970). Weshalb mir noch heute wissenschaftlich-dokumentarische Texte allemal wichtiger sind als Romane oder womöglich poetische Ergüsse. Lewis lehrte Anthropologie in den USA und untersuchte seit 1943 mexikanisches Familienleben. Neu war der Einsatz eines Tonbandgeräts und die Rarität der Beschäftigung mit den unteren Volksschichten. Der dabei entstandene soziale Realismus wurde – anders als bei Maxim Gorki – unbewertet dokumentiert. Dabei stellte Lewis die Aussagen des Familien-Vaters den Aussagen seiner 4 Kinder zum gleichen Thema gegenüber. Das so illustrierte Netz aus Gewalttätigkeit, Kriminalität, Korruption, aber auch die Grausamkeit der Armen gegen ihresgleichen, ergibt nicht nur ein Sittenbild, wie es meiner sozialen Situation nicht ferner sein konnte. Ich lernte, wie unterschiedlich sich Menschen gegenseitig erfahren. Jeder hat seine irgendwie berechtigte Perspektive, und die Lebenslüge wird erst – mit Vorbehalt – aus den Aussagen der anderen deutlich. Heute, wo ich von einem derartigen Millieu umgeben bin, könnten die Erzählungen von meinen Nachbarn stammen, und sie unterscheiden sich nicht wesentlich von dem, was ich an dieser Stelle oft genug beschrieben habe.
Der einzige der 5 Interviewten, der eine gewisse Reife zur Lebensbewältigung unter den schwierigen Bedingungen der Armut zeigt, ist der Vater Jesus Sanchez (50). Er meint, daß die Jugend in der Stadt der Sittenverderbnis ausgesetzt und nicht fähig sei, das ihr dort Gebotene nützlich zu verwerten: „Verwöhnte Kinder können sich nicht entwickeln und stark und unabhängig werden. Sie haben immer Angst … Wenn die Kinder erwachsen sind, werden sie wütend, wenn der Vater wieder heiratet. Neulich las ich, daß eine Mutter von ihren beiden Söhnen verprügelt wurde, weil sie sich zum zweitenmal verheiratete. Und in Mexicali brachten die Söhne ihren Vater um, als er heiraten wollte, aber das war wegen der Erbschaft. Es müssen Wilde gewesen sein, die so etwas taten, oder sie waren betrunken! … Nur einmal im Jahr, am 1.Mai, ruhe ich mich aus. Es gibt immerzu Geld-Schwierigkeiten. An einem Ende zahlt man, und am anderen hat man Schulden … So wie ich die Dinge sehe, finde ich an meinen Landsleuten, an den mexikanischen Katholiken, eine Menge auszusetzen, denn sie machen viel dummes Zeug … Daß unsere Seelen im Fegefeuer leiden müssen, glaube ich nicht. Wer ist denn schon mal da gewesen und wiedergekommen, so daß er uns davon erzählen könnte? Wir brauchen Beweise! … So etwas wie Zauberei gibt es nicht, es ist unsere eigene Torheit, nicht Hexerei, und wer dafür Geld ausgibt, ist dumm … Der größte Fehler, den wir Mexikaner machen, ist, daß wir so früh heiraten, ohne Geld, ohne Ersparnisse oder eine feste Arbeit zu haben. Wir heiraten, und ehe wir’s uns versehen, haben wir das ganze Haus voller Kinder. Dann sitzen wir fest und kommen nicht mehr vorwärts … Die Leute wissen mit ihrem Geld nicht umzugehen … Es fehlt an der Fürsorge der Eltern, am Verantwortungsgefühl und am Geld … Auch die Gewerkschaftsfunktionäre helfen uns nicht; sie stecken alles in die eigene Tasche … Die Gewerkschaft ist für mich eine Falle, in der man die Masse der Arbeiter ausbeutet … Es gibt nichts Schmutzigeres als die Politik.“
Während sich die künstlerische Form in Unterscheidung und Selektion manifestiert, besteht das Erzählte aus einem großen Durcheinander – eben wie das Leben selbst. Damals gab es keine Literatur, die die gewaltigen kulturellen Umschichtungen in den Entwicklungsländern wiederspiegelte. Vielmehr wurde meist ohne Bezug zur Masse des „Lumpenproletariats“ das Seelenleben des Mittelstandes und der Oberschicht ergründet. Dagegen erweist sich Armut als eine bemerkenswert stabile und beständige Lebensform, die vererbt und zur nationalen Subkultur wird, die sich mit dem Gefühl von Resignation auf unmittelbare Gegenwart gerichtet charakterisieren läßt. Man mißtraut den korrupten Behörden ebenso wie der Gewerkschaft, kann sich nur Gesundbeter leisten, hat aber auch Angst vor Krankenhäusern. „Wenn es ums Geld geht, kann man nicht einmal den eigenen Verwandten trauen. Die Leute raffen an sich, was sie können … In den meisten armen Familien … kommt es zu Streit und Unglück, weil nicht genug Geld da ist.“ So erscheint die Familie als Sicherheits-Netz und Falle zugleich.
Manuel (32): „Leute, die besser dran sind als wir, können sich den Luxus leisten, ihre Söhne in einer idealen Welt leben zu lassen, wo sie nur die guten Seiten des Lebens sehen, sie können sie vor dem Umgang mit verdorbenen Kameraden bewahren und vor schmutzigen Worten, brauchen Gefühle nicht durch brutale Auftritte zu verletzen und bezahlen ihnen alles, was sie wollen. Dafür gehen ihre Kinder dann mit geschlossenen Augen durch die Welt und sind im wahrsten Sinn des Wortes naiv … Vor allen Dingen aber blieben sie arm, weil sie gern tranken … In den mexikanischen Gefängnissen sind von 100 Sträflingen 99 Katholiken! … Und erst die Priester! Von denen war ich auch enttäuscht, denn sie befolgen Gottes Gebote nicht … Meiner Meinung nach sind die Methoden der mexikanischen Polizei die der bestorganisierten Gangsterbande in der ganzen Welt … Die rühren sich nämlich erst, wenn Sie gezahlt haben.“
Roberto (29; „Er wollte nicht arbeiten, darum ging er zum Militär!“): „In diesem Land hilft kein Mensch dem anderen … und wenn jemand nach oben will, ziehen die anderen ihn herunter … Mir ist es wirklich egal, welcher Kandidat durchkommt, denn sie plündern ja doch alle nur das Volk aus.“
Das in Mexiko zeitweise verbotene Buch ist 1978 sogar verfilmt worden mit Anthony Quinn als Jesus Sanchez. Gesehen hab ich den Film nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er die Drastik des Beschriebenen realistisch wiedergibt. Stattdessen sah ich „Los Olvidados“ von Luis Bunuel. Erschütternd genug.