Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen

ueberzeugendsw

„Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich? Wenn ich nur für mich selbst bin, was bin ich?“ Jörg Fauser (1944-87)

Als sich Jörg Fauser 1984 für den Ingeborg-Bachmann-Preis bewarb, wurde er nach seiner Lesung von Marcel Reich-Ranicki heftig kritisiert: Sein Text passe nicht in den Wettbewerb, weil er ohne den geringsten literarischen Ergeiz geschrieben sei. Fauser arbeite mit Klischees, mit Kunst habe das nichts zu tun. Außerdem habe Reich-Ranicki über die Zwiespältigkeit eines Charakters schon bei Goethe gelesen. Gesprochen von einem, der einst bei der polnischen kommunistischen Geheimpolizei die Zensur organisierte. Walter Jens, der sich nicht mehr an seine NSDAP-Mitgliedschaft erinnern konnte, obwohl er Begriffe wie „entartete Literatur“ gebraucht hatte, pflichtete ihm im Militär-Hemd bei. Literaturkritik in ihrer „hinterhältigsten und erbärmlichsten Gestalt“ (Michael Köhlmeier).

Nicht dazu zu gehören war ein Grundgefühl für einen Teil meiner Generation jener Jahre. Die Drogen-Erfahrung katapultierte uns aus allem raus, was uns anerzogen worden war. Nicht nur im Kulturbetrieb waren viele Positionen noch mit alten Nazis oder deren Mitläufern besetzt. Spätestens als sich ein Teil der Jugend demonstrativ vom ausgeleierten Schrott abwandte, verdeutlichten sich die Grenzen von Demokratie und Toleranz in ihrer ganzen Häßlichkeit. Wer für den bundesrepublikanischen Mief ungewohnte Drogen konsumierte, wurde plötzlich zum Kriminellen. Saufen war in Ordnung, und so soff sich Fauser zumindest politisch korrekt zu Tode. Doch wie sollte das aussehen, wenn man drüber schrieb, und wer war dafür überhaupt kompetent? „Ich hab den Text als Frau gelesen“, meinte Klara Obermüller und war auch abgeneigt. Na sowas! Solche Typen tauchen auch in den Texten Fausers auf: „… und das Sexuelle, mußte man das so kraß aussprechen, es war ja fast irgendwie frauenfeindlich.“  („Rohstoff“, 1984). Waren die Reaktionen vielleicht deshalb so heftig, weil Fauser den Literatur- und Betroffenheits-Betrieb in der BRD zynisch darstellte? Der verfettete Peter Härtling, der auch nicht wirkte, als ob er schon über Wein hinausgekommen war, bemängelte Fausers Figurenschilderung, die an Denunziation grenze, Gefühl banal und gemein mache. Und wenn es genau das war, wie man die Umwelt auf dem Trip – und nicht nur dabei – erfuhr? Äußerte sich auch Jury-Mitglied Gertrud Fussenegger, die schon 1934 durch ihre Hitler-Begeisterung auffiel? Die drogensüchtige Ingeborg Bachmann (1926-73) hätte gegen DIESE Jury wahrscheinlich vehement protestiert.

Es war mein dringendes, jedoch irrendes Gefühl, in den 60ern einen historischen Moment mitzuerleben, in dem etliche Charakter-Masken runterzureißen waren: „Die herrschenden Cliquen hatten die Bälle jetzt endgültig unter sich verteilt – die Rechten das Business, die Linken die Kultur, wer da durch den Rost fiel, blieb für immer unten … Revolutionen waren Schwindel. Eine herrschende Schicht wurde durch eine andere ersetzt, und der Kultur-Apparat spuckte die Leitartikel dazu aus.“ Doch wie konnte ich meine Visionen denen verständlich machen, die in ihrem dumpfen Suff Inhalt und Form nicht auseinanderhielten und sich im Bereich Drogen als totale Ignoranten enttarnten? Es war nicht nur die Form, die ihnen nicht paßte, sondern Inhalte, die sie nicht verstanden, sehr weitgehende Befreiung, gegen die sie sich wehrten: „Außerdem kam es ja wohl darauf an, was einer schrieb. Und da, fand ich, hast du einen Vorsprung, wenn du bei dem bleibst, was du gesehen hast.“ Wenn sich Fauser im „Paradiso“ in Amsterdam nicht wohlfühlte, dann wußte ich zumindest, was er gesehen hatte. Das Unangenehme an seinen Beschreibungen war doch nur, daß er wie Henry Miller, Kerouac, Burroughs und Fallada keine Erlösung auf dem selbstzerstörerischen Weg nach unten aufzeigte, und es fraglich blieb, inwieweit dafür die Gesellschaft verantwortlich zu machen war. Am Ende stand im jeden Fall der Tod, aber der Weg dorthin mußte nicht unbedingt durch die Hölle führen. Deshalb war für mich Landleben die einzige Alternative. Die Stadt bot in ihrem ständig variierenden Angebot nur entfremdete Arbeit und promiskuitive Sinn- und Ruhelosigkeit. Dagegen zeigt dir die Natur genau, wo’s langgeht. Die Erfahrungen von Winter, Sturm, Ernte, bodenlosem Moor und dem Verhalten der Tiere bedürfen keiner Interpretation, was wirklich ist. Das alle Schwierigkeiten daher kamen, „daß Frauen nicht allein sein können“, wußte ich damals noch nicht. Auch ahnte ich nichts von den Verheerungen, die die „sozialen“ Medien in ihren Hirnen anrichten würden. „Einem Mann die Liebe wegzunehmen war so gut wie Mord, aber mit einer Schreibmaschine konnte er ihn überleben … Aber Haß, den man runterschluckte, machte angeblich Krebs.“

Wer wird über die Literaten der Pokemon-Generation zu Gericht sitzen und ihnen sagen: Leute, ihr habt NICHTS erlebt, was nich aus der Dose stammt! „Eine ziemlich langweilige Welt … Vielleicht brauchst du auch ein Mexiko. Vielleicht nicht das Mexiko, wo ich hinfahre, sondern ein anderes Mexiko, aber irgendein Mexiko brauchen wir alle.“

Traumlandschaft

arnstadt

„Der zivilisierte Mensch ist der Bauer, der bei der Arbeit denkt. Je mehr man in den großen Städten lebt, desto tiefer versinkt man im Dunkel der Barbarei, der Dummheit und der Perversion.“ Vincent van Gogh

SO musse sein, hügelich aba übasichtlich. Ob der Zeichner auf einem hohen Berg stand, weiß ich nich. Jedenfalls hatte man 1892 für die „Seydlitzsche Geographie“ der „Könichlichen Unitäts- und Verlags-Buchhandlung“ in Breslau noch keinen Hubschrauber zur Verfügung. Der Holzstich zeigt die Gegend von Arnstadt an der Gera in Thüringen, das „grüne Herz Deutschlands“, wo Johann Sebastian Bach und die Bratwurst erfunden wurden. In dem kleinen Haus am unteren Bildrand wohne ich. Man kann mich davor mit meiner Pionier-Frau erkennen. Sie iss eine, der nie langweilich wird, die starke, lungenschonende Hanf-Kekse backen und mit der man Holz hacken kann. Das muß sein, denn wir heizen und kochen damit. Einmal die Woche besteigen wir unsere Pferde und reiten zum Supamarkt nach Arnstadt. Dort binden wir sie am Geldautomaten an und beladen die Packtaschen mit Schokolade, Müsli, Rosinen, Joghurt, Käse und Bratwürsten. Eventuell wandern wir auch nur bis zur Gera und lassen uns dann mit einem Boot zur Stadt bringen. Sonst, wenn wir gerade nix zu tun ham, Haus- und Garten-Arbeit geschafft und die Tiere versorgt sind, sitzen wir auf dem Berg, rauchen und kucken in die Ferne. Ein Meer im Hintergrund wär auch nich schlecht, aba man kann ja nich alles ham.
Rechts und links neben dem Haus haben wir Apfel-, Kirsch-, Pflaumen-, Birn- und Wallnuß-Bäume in den fruchtbaren Boden gepflanzt, dahinta befindet sich unsa Hanf-Feld. In dem umzäunten Ziergarten vor dem Haus blühen bunte Astern. Auch leisten uns Ziegen, Hühner und Katzen Gesellschaft. In den Häusern unserer Nachbarn wird Spielzeug in Heimarbeit hergestellt. Da muß die ganze Familie helfen, Holzpferde zu schnitzen, Teddybären zu stopfen, dem Kasper das Gesicht zu malen oder Puppen bewegliche Augen einzusetzen. Bauern versorgen uns mit selbstgebackenem Brot und frischer Milch. Auf dem Weg nach Arnstadt trifft man ab und zu Glasmacher, die zur Weihnachtszeit in ihren Körben Christbaum-Schmuck anbieten. Den brauchen wir nich, doch hängen wir uns dunkel-violette Glaskugeln und blinkende Prismen vor die Fenster-Scheiben. Wenn draußen alles weiß iss, und uns drinnen der Kaminofen wärmt, stehen Rehe vorm Fenster und staunen. Kommt der Frühling, tanzen wir mit Chopins „Frühlings-Walzer“ den Hügel hinab. Telefon und TV besitzen wir nich. Wir erzählen uns statt dessen Geschichten und lesen viel. Ach jaah – damals in Thüringen!

borchelhof

 

borchkuech

Aufreizung zum Klassenhaß

andrewsgainsborough

Als Thomas Gainsborough (1727-88) Robert Andrews und Frances Mary Carter 1749 mit Öl auf Leinwand malte (National Gallery, London), waren die beiden gerade 1 Jahr verheiratet, und man sieht ihnen die Langeweile schon an. Die Ehe von Robert (22) und Frances (16) war bereits 7 Jahre vorher aus wirtschaftlichen Gründen verabredet worden. Entsprechend dösich kucken beide und warten auf die Erfindung der Eisenbahn. Sie sind sich auch auffallend ähnlich – die gleichen Glubschaugen – was bei der englischen Insel-Lage niemanden verblüffen kann.
Nur der treu-domestizierte Hund wirkt noch lebendich. Ein Rüde, wie man feststellen kann, weil er keine Hose anhat. Links treiben sich im Hintergrund einige Rinder herum, rechts wird die ferne Weide von Schafen punktiert. Man befindet sich auf dem ausgedehnten Besitz der reichen Familie Andrews, die ihr Vermögen u.a. durch Geld-Verleih und Handel mit den Kolonien erwarb, nun ergänzt durch das marode Textil-Gewerbe der Familie Carter. Die Eiche soll sogar noch vorhanden sein.
Robert hat gerade versehentlich einen seiner Treiber erschossen, den man rechts unta den Korngarben versteckt hat, damit er die Komposition nich stört. 3 den Vorfall überlebende Bauern schafften die Rokoko-Bank, auf der Frances Platz genommen hat, mit einen Pferdewagen vor die Eiche. Jetz sindse schon wieda wech, um was anderes zu heben, ebenso wie die Kutsche, mit der Frances zu der Bank gefahren wurde, weilse mit ihren spitzen Zierschuhen nich durchen Matsch gehen kann. Deshalb wird auch nich weita geerntet, obwohl das Wetta trocken iss.
Der aufgebauschte Rock von Frances – laut William M. Thackeray soll es Coralie de Langeac mit ihrem Reifrock sogar auf 18 Fuß Umfang und mit ihren Schuhabsätzen auf 3 Zoll gebracht ham – verhüllt einen beleuchtbaren Holzkasten, den Gainsborough dazu benutzte, transparente Bilda zu zeigen. Dagegen liehen sich die Bauern die tragende Untakonstruktion des Rocks zum Aufstellen ihrer Garben aus und hamse nich rechtzeitich zurückgegeben.

durchleucht

Übahaupt hatte der 22jährige Gainsborough gakeine Lust zur Porträt-Malerei. Er haßte es sogar, Gesichter zu malen. Sie bildete für ihn lediglich eine solide wirtschaftliche Existenz-Grundlage. Das erklärt auch, wie die Landschaft in diesem 69,8 x 119,4 cm großen Gemälde in den von ihm bevorzugten warmen Farben „gegerbten Leders“ allein mehr als die Hälfte des Bildes für sich beansprucht, obwohl dafür in England zu jener Zeit keinerlei Interesse bestand. Naturdarstellung galt als vulgär, man konsumierte sie nur in idealisierter Form. So gab er das Studium in der freien Natur auf und baute sich im Atelier statt dessen eine Modell-Landschaft mit Sand, Kork, Moos, Spiegelscherben und Spargel-Sprößlingen, um der Gefahr der Naturnachahmung zu entgehen. Deshalb sieht man zum Horizont hin auch eine Menge Brokkoli, obwohl von den Auftraggebern hier sicher eine wiedererkennbare Situation des eigenen umfangreichen Landbesitzes gefordert war.
Was im Schoße der Dame wie Papier und Feder wirkt, ist anscheinend unbearbeitete Leinwand. Sollte hier später ein von ihr verfaßtes Haiku eingefügt werden über ihr Empfinden ruhiger Harmonie, anderen bei der Arbeit zusehen zu können? Oder ein Baby? Wahrscheinlich sang sie auch falsch. Einigermaßen beunruhigen muß den heutigen Betrachter dagegen das völlige Fehlen von Sende-Masten, Hochspannungs-Leitungen, Bohr-Türmen und Smartphones, die Gainsborough ja mit Fischgräten und Hutnadeln in seine Modelle hätte einfügen können.