Mein Tantchen

AusweisALackner

Über Leben und Persönlichkeit von Anna Lackner (1887-1992), Schwester meines Großvaters mütterlicherseits Ernst Lackner, wäre viel Interessantes zu erzählen. Leider war die Verwandtschaft meiner Mutter in unserer Familie nie so präsent wie die meines Vaters. Deshalb habe ich wenig erfahren und vieles vergessen über die kleine Frau, die meine Entwicklung aus der Ferne verfolgte. Nun ist wenigstens ein von der Gemeinde Masendorf ausgestellter Paß aufgetaucht, dessen Kopie mir Ina zugeschickt hat.

Was mich an Tantchen immer irritierte, schreibt Ina, die im gleichen Haus in Masendorf mit ihr wohnte, waren ihre Erzählungen von einem Bruder den sie in der Post aufgehängt haben! Sie ständig nachts davon träumte, und sie es mir schon als Kind erzählte, daß sie wieder Alptäume gehabt hat. Als ich später in ein Zimmer neben ihr Zimmer zog, da wachte ich nachts öfters auf von ihrem Schreien. Und das waren dann wieder die Alpträume ... Sie sprach von des Kaisers Kindern, daß sie die immer im Kinderwagen spazieren fuhr, wenn sie an der See in Urlaub waren.“

achtzig

Tantchens 80. Geburtstag Oktober 1967 in Masendorf

Blick zurück im Zorn

schulausflug65

Am 26.2.1967 verfasste ich meinen „Bildungsgang“ als Teil der bevorstehenden Abitur-Prüfung. Über das, was ich damals schrieb, brauche ich ich mich heute sogar kaum zu schämen. Es hat seine Gültigkeit weitgehend behalten:

„Meine frühe Jugend verlief ruhig und ohne große Erschütterungen in einem gesicherten und geordneten Elternhaus. Dies war die Grundlage für mein Heranwachsen, das sich ohne plötzliche Umwandlungen und Brüche vollzog.
Da mein Vater Jurist ist, kam ich schon früh mit Rechtsfragen in Berührung und erhielt auf diese Weise einen Sinn für Ordnung, Anständigkeit und Gerechtigkeit.“
Und das hat sich bis heute extrem intensiviert: „Als Einzelgänger lernte ich es, mich gegen andere und manchmal auch gegen die ganze Klasse durchzusetzen.“
Obwohl das Examen durchaus nicht gesichert war, brachte ich doch meine Kritik an der Schulzeit zum Ausdruck: „Was mich in Unter- und Mittelstufe störte, war, daß einem nicht genügend Achtung geboten wurde, daß man weitgehend Freiwild irgendwelcher Lehrer-Launen war. Z.B. verbitterten mich Demütigungen aller Art, die ich besonders im Mathematikunterricht oft erleben mußte.“
Zu einer pauschalen Weltanschauung war ich nicht gelangt: „Ich sehe einen Widerspruch zwischen der religiösen und der wissenschaftlichen Weltsicht. Da mir der Glaube nichts bedeutet, und da die Wissenschaft noch nicht alles aufgeklärt hat, bin ich bis heute zu keiner Lösung gekommen. Deshalb lege ich mich auch in keiner religiösen, politischen und kulturellen Richtung fest … Die Lektüre von Freuds psychoanalytischen Betrachtungen, die von weiten Kreisen unserer Gesellschaft verständlicherweise unter den Tisch gefegt werden, und auf die ich ganz zufällig stieß, ließ mich das finden, was ich ablehne.
Mir fehlt die Achtung vor unserer Zivilisation und Kultur, da ich ihre Entwicklung für rein zufällig halte und ihr keine höhere Wertordnung zubillige [Das ging gegen meinen Deutsch-Lehrer, „Werte-Meier“ genannt!]. Vielmehr halte ich diese Wertordnung, die zweifelsohne vorhanden ist, für Menschenwerk, das für die Gesellschaft notwendig ist, aber für das Individuum nur solange Bedeutung hat, wie es sich in die Gemeinschaft einfügen muß … Ich versuche, für alle geistigen Probleme aufgeschlossen zu sein, aber ich wehre mich gegen geistige Schemata … Außerdem meine ich, daß sich meine Anschauungen zwar nicht grundlegend, aber doch während meines ganzen Lebens ständig verändern werden. Ich schließe mich dem Spruch von John Osborne an: ‚Die heutige Jugend weiß vielleicht nicht, was sie will. Aber sie weiß genau, was sie nicht will.'“
Eins dieser geistigen Schemata war „Europa“. Obwohl meiner Generation der Gedanke, noch einmal Krieg gegen Länder wie Frankreich oder England zu führen, völlig abwegig erschien – wir wollten überhaupt gegen niemanden kämpfen, außer gegen Kommunisten – wurden wir auf Europa programmiert. Dagegen impfte man mir den Haß gegen Russen und Polen im ostpreußischen Elternhaus ein, obwohl ich gar keine kannte. Insofern erschien mir der ganze Europa-Krampf immer wie aufgepfropft. Zumal deutlich wurde, daß sich weder die französische noch die englische Politik wirklich änderte. Und wenn ich heute lese, wie die Bewohner an der deutschen Ostgrenze wieder unter polnischen Banden leiden, dann denke ich, daß dieser Europa-Gedanke ein einziger ideologischer Neu-Beschiß war, der sich niemals zu einer erträglichen Realität entwickeln konnte. Da hat man jahrelang Politik gegen die Menschen gemacht, obwohl es bereits ganz pragmatische Ansätze wie z.B. die Montan-Union gab, doch nun reagieren die Populisten, weil das Mißverhältnis zwischen Idee und Realität offensichtlich geworden ist, und wollen wieder nationale „Leitkultur“ verkaufen.
Und wo bin ich persönlich gelandet? In der Abseits-Falle, wo ich eine beschissene National-Hymne vorsingen müßte, um von meiner betrügerischen Ehefrau unabhängig werden zu können. Alle Bildung hat also nix genützt. Viele Schuhsohlen abgelaufen und nichts erreicht. Gescheitert an der Unzulänglichkeit von Menschen, von denen ich glaubte, man brauchte sie nur gut zu behandeln, dann würde alles gut. Die einzige historische Konstante im menschlichen Verhalten ist nach wie vor der tierische Selbsterhaltungs-Trieb. Des Individuums, der Gruppe, der Nation. Allles andere ist Wunschdenken und Selbstbetrug.

Zirkus des Lebens

zirkusreiterin

Ich erinnere mich, wie ich in der schriftlichen Abiturprüfung Deutsch Franz Kafkas sehr kurze, möglicherweise fragmentarische Erzählung „Auf der Galerie“ analysieren sollte, und das Gefühl hatte, den Sinn nicht gefunden zu haben, obwohl eine eindeutige Interpretation in jedem Fall gescheitert wäre.
Ein Zirkus-Besucher beobachtet von der Galerie aus eine Kunstreiterin, die sich im Rund der Manege bewegt. Zuerst beschreibt Kafka ihre Situation detailliert als Entfremdung eines ausgebeuteten, gehetzten, kranken Wesens, dann erkennt er jedoch den Stolz und die Glücksgefühle jener umsorgten, bewunderten Person, und er weint, „ohne es zu wissen“.
Kafka wurde im Unterricht nicht behandelt. Konsequent den Richtlinien entsprechend mußte in der Prüfungs-Situation das Gelernte im neuen, unbekannten Zusammenhang angewendet werden. Nur, was war das Gelernte? Es erschöpfte sich ebenso wie in der Kunstanalyse auf Stiluntersuchungen, die einen Sinn erschließen sollten, der geschichtslos wie Worte ohne Körper blieb. Entsprechend langweilig kam mir jede dieser Stunden vor, gleich, ob Deutsch oder Kunst. Als Personen ohne Biographie blieben die Schriftsteller und Künstler im mytho-poetologischen Nebel. Die persönliche Folge dieses Kultur-Erlebnisses war die nach der Schulzeit anfangs völlige Abstinenz von Literatur- und Kunstanalyse. Um die ausgedrückte Sinnlosigkeit des Textes „verstehen“ zu können, hätte ich vorher Fritz Martinis „Deutsche Literaturgeschichte“ auswendig lernen müssen. Tatsächlich könnte ich diese Erzählung als ein Leitmotiv meines Lebens ansehen, nur mußte ich das erstmal gelebt haben. Da ist der Beobachter, der spürt, wie etwas nicht stimmt in der Gesellschaft, jedoch immer wieder feststellt, daß die vermeintlichen Opfer genau dieses Leben wollen und sich gar nicht als Opfer fühlen. Somit bleibt der Außenstehende in seiner zwiespältigen Situation der Einsamkeit gefangen, aus der er sich nicht befreien kann, ohne das Denken aufzugeben. Auf sich selbst zurückgeworfen fragt er sich, ob das Problem nur in ihm selbst liege, er als Weltfremder, der ohne Visum reist, also nur an sich selbst leide. Arno Schmidt fand, das Kafka zu den Dichtern gehörte, „die im tiefsten Grunde das Denken hassen“ – wie die „sonntägliche Aufgeregtheit des Bürgers vor dem Essen“ (Herbert Achternbusch).
Das Fragment paßt hier also zum offenen Sinn, und die Beschäftigung mit Kafkas Biographie hätte mir damals verdeutlicht, wie auch der Mensch Kafka stets unverwirklicht, ohne metaphysische Sicherheit in der Fremde blieb: „Ich bin Ende oder Anfang.“ Das weiß ich auch nich. Doch da ich jetzt Kafka zu verstehen glaubte, las ich sein kurzes „Gespräch mit dem Beter“ und „mit dem Betrunkenen“ – und verstand überhaupt nix. Geschichten wie Träume, doch erzähl sie niemandem! Sie können damit nix anfangen und trampeln nur drauf rum. Mir fiel auch auf, wie Kafka das Exekutions-Gerät in seinem Text „In der Strafkolonie“ als „Egge“ benennt, obwohl es sich eigentlich um einen Tätowierungs-Apparat handelt. Mit Eggen kann man nich schreiben sondern nur kämmen.

Foto: Henri Toulouse-Lautrec (1887)