Innenlesen

Er űberhöhte und färbte auch Ursels Leben, auch bei ihr sorgte er fűr weniger Langeweile, und an Ursel dachte er, mit dem Eindruck von sich als einem Verräter, wenn er mit Isa etwas Verwegenheit űbte: dann irgendwo zwischen Hildesheim und Braunschweig.“
Gabriele Wohmann (1932-2015), „Westblick“

Hans Wollschläger charakterisierte die Wohman so: „Mein Psychoanalytiker hat gesagt, ich solle mehr schreiben.“ Immerhin haben ihre gesammelten Erzählungen aus 30 Jahren es bis zum Äquator geschafft – und jetzt in den Papierkorb. Wer so gut űber Stadtneurotiker schreibt, muß selber eine gewesen sein. Fast jede Kurzgeschichte mit Knalleffekt im letzten Absatz. Billigste Krimi-Methodik. Menschliche Beziehungs-Probleme, die ich schon vor 50 Jahren als sinnlos hinter mir ließ. Beschreibungen von Menschen, die nicht körperlich arbeiten. Das scheint mir űberhaupt ein Grundproblem unserer Zeit zu sein. Dieses vorgefertigte, digitalisierte Leben mit perfektem Unterhaltungs-Angebot und Ad hoc-Kommunikation. Und wenn eine Frau das Innenleben von Männern darstellt: Woher kennt sie das?

Was man sieht

Während meines ersten erfolglosen Versuchs, mit einer Frau zusammen zu leben – man sollte das besser nicht in den winzigen Mansardenzimmern eines Studenten-Wohnheims probieren – betrachtete ich lange eine bunte Zeichnung, die meine Freundin mit Filzstiften angefertigt hatte: „Das ist genau symbolhaft für unsere Beziehung,“ stellte ich unter dem Einfluß von LSD fest. Ich sah eine Lokomotive, vorne mit einem Herz auf dem Kessel, die auf mich zufuhr. Sie hätte nur auf dem Papier rumgekritzelt, erklärte meine Freundin – und ich kam mir ziemlich dumm vor.
Als 1963 während des Vietnam-Kriegs buddhistische Mönche anfingen, sich aus Protest gegen das Diem-Regime selbst zu verbrennen, war die Rezeption des Publikums extrem unterschiedlich. Während die westliche Reaktion eher aus Entsetzen bestand, nahm man es vor Ort gelassen:
„Was Neues heute?“
„Nein, nur wieder ein Braten.“ So beschrieb es Oriana Fallaci in „80 Tage in der Hölle“. Ein Franzose riß einem brennenden Bonzen Teile seines extra dafür wattierten Gewandes runter, eine Nonne nahm sie wieder auf und legte sie ihm auf den Kopf. General Nguyen Ngoc Loan, der 1968 durch das Foto seiner Erschießung eines gefangenen Vietcong weltberühmt wurde, schickte seine Polizisten mit Feuerlöschern zu den Brennenden und machte sie zu Clowns mit Schlagsahne. Niemand im Westen kannte die eher unbedeutende Minderheit der Cao Dai-Buddhisten und konnte das Geschehen einordnen. Alle sahen nur Bilder.
Erkenne dein Erkennen als unzureichend und eventuell irreführend! So wie Farbe keine Eigenschaft eines Objekts sondern ein Spiel des Lichts ist, erschafft sich Wirklichkeit nicht aus relativer Innerlichkeit. Nur durch die ständige Wachsamkeit, daß Gewißheit von Wahrheit unzuverlässig ist, hat man die Chance, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Also durch das, was in der Regel nirgendwo passiert, denn die mediale Bilderflut überspült ständig das analytische Denken.

Lennon ohne Ono

A liebt B, doch B liebt C, aber C liebt D. Das ist das Problem. Überall und immer. Diese mangelhafte Kongruenz. Und A erzählt die Geschichte anders als B. Wenn keiner der beiden dabei berücksichtigt, daß Empfindung und Fakten einer Situation nicht übereinstimmen müssen, kann es zu gewaltigen Geschichts-Fälschungen kommen. Was andere über John Lennon und Yoko Ono berichtet haben, was sie selbst übereinander mitteilten, und was die restlichen Beatles dachten, weicht so erheblich voneinander ab, daß man letztlich zu keiner Bewertung kommen kann.
Es ist wohl ein Phänomen des Alters, wie ich zwar vergesse, ob ich meine Panadol-Tablette vor 5min eingenommen habe, mich jedoch an Szenen lebhaft erinnere, die sich vor 55 Jahren abgespielt haben.
Ich saß ihr in den 2 Grundsemestern an der Kunsthochschule genau gegenüber an diesen Schultischen, und so fühlte ich mich auch: Wieder Schule mit dem unsympathischen Hubertus von Pilgrim als Oberlehrer. Ein komplett sinnloses Jahr, in dem ich mir einen Studienführer kaufte, um festzustellen, ob ich nicht was anderes studieren konnte. Wegen Pilgrim wollte ich aufgeben. Aber wenn ich in meinem Studium überhaupt etwas gelernt habe, dann über das Leben. Zum Bleistift von dieser Traumfrau mir gegenüber, die jedoch ein sehr attraktives höheres Semester liebte, das aber offensichtlich reichlich Auswahl hatte. Deshalb wunderte ich mich auch darüber und kann es nicht mal rekonstruieren, wieso die Traumfrau in meinem quietschenden Bett landete. Wir waren beide besoffen vom billigsten Rotwein, und sie wollte nicht viel mehr als Schmusen. Wahrscheinlich benutzte sie mich nur als sehr flüchtigen Ersatz für ihren Prinzen, den sie nicht bekam. So verblieb ich ohne Traumfrau und war sehr unglücklich.
Doch endet die Geschichte noch nicht, denn 1995 sehe ich die Traumfrau zusammen mit einer anderen Kommilitonin zufällig bei der Eröffnung einer John Lennon-Ausstellung in der Kunsthalle Bremen. Dicker geworden und ihr Rock übertrieben kurz. Ich habe meine indonesische Ehefrau dabei, und hinterher sitzen wir zu viert im Café. Da die Situation nicht ganz unpikant ist, versuche ich mit Rücksicht auf meine Frau, den heiklen Punkt zu vermeiden. Doch die Traumfrau erinnert mich dran: „Weißt du noch, wie wir mal diesen Rotwein getrunken haben?“
„Ja, weiß ich noch.“ Weiter gehe ich nicht darauf ein, finde das unsensibel von ihr, und wenn meine Frau nicht neben mir säße, würde ich sie fragen: Hat dich das so beeindruckt, daß du dich noch daran erinnerst?
Damit ist die Geschichte aber immer noch nicht zuende. 27 Jahre später wirft mir meine Ex vor – im Zuge der ständigen Auseinandersetzungen um Geld und als Beispiel ihres 40jährigen Ehe-Martyriums – ich hätte sie damals in der beschriebenen Situation überhaupt nicht mehr beachtet, und sie hätte am liebsten die Wagenschlüssel genommen und wäre nach Hause gefahren. Also genau das Gegenteil von meiner beabsichtigten Rücksichtnahme. Vorher hat sie mir das nie gesagt. Ich hätte ja vielleicht daraus lernen und mein Verhalten ändern können. Aber so ist das eben, wenn sich subjektive Empfindung vor die Fakten schiebt. Ständig eine andere Person in der Nähe zuzulassen, setzt voraus, daß beide Personen skeptisch gegenüber der eigenen Erkenntnis sind. Verifizierung und Korrektur der von persönlichen Konditionen modellierten Erkenntnis setzt funktionierende Kommunikation voraus.

Zeichnung „Looking Back“ von John Lennon, 1977