Phantasie

Auswanderung

Die Reduzierung der Wirklichkeit, „hat politische Folgen, das prägt Verhaltensweisen, führt zu verstörtem Verhalten bei jungen Menschen, bei denen alles schon auf einen Wirklichkeitsbegriff reduziert ist, der keinerlei Bewegung mehr oder nur noch wenig Bewegung erlaubt. Da ist alles bis in die Lebensversicherung hinein schon vorweggenommen, ein domestiziertes, auf eine enge Wirklichkeit beschränktes Leben. Das fordert geradezu eine ganz neue Form von Befreiung heraus … In der Tat hat Zukunft heute wenig Zukunft, wie wahrscheinlich noch nie in der Geschichte der Menschheit … (Die Abschaffung des Beamtenrechts in Deutschland) Welch eine Wohltat! Die Befreiung dieser armen, entmündigten Menschen, die, kaum sind sie Beamte geworden, bis an ihr Lebensende so sichergestellt sind, daß ihnen nichts mehr einfällt. Das Beamtenrecht, das wir uns haben einfallen lassen, ist etwas, das unsere Phantasie abtötet. Jemand, dessen Existenz im materiellen Sinn so absolut vom Risiko befreit worden ist, dem kann nichts mehr einfallen, der kann nur noch die Einfallslosigkeit als Institution verwalten.“
Günter Grass im Gespräch mit Siegfried Lenz „Über Phantasie“ (1982)

„Es bleiben offenbar in der modernen Welt von Wohlstandsgesellschaft und Versorgungs-Staat an Handlungsresten nur kleine Portionen übrig, also begrenzte Ziele und mittelmäßiger Aufwand, was keinen vom Stuhl reißt. Das alles mag zwar gut und vernünftig sein, aber es bewegt, ja begeistert uns nicht – es ennuyiert.“
Roland Lambrecht, „Melancholie“ (1994)

„Mein Vater war ein kluger Mann, ein studierter Mann. Er war ein Sonderling und fand sich in der Welt nicht zurecht. Als Schriftsteller, Mr. Hodgkiss, ist Ihnen dieser Typ vielleicht bekannt. Es soll ja eine ganze Reihe Bücher geben, in denen beschrieben wird, wie einer auf und davon geht, um ein Paradies in der Südsee zu suchen, eine Ecke der Welt, wo er nichts mehr mit der Zivilisation zu tun hat.“
Leon Uris, „Schlachtruf“, 1969

Ich habe meine Auswanderung bis heute nie bereut. Bin dadurch der Realisierung meiner Phantasien sehr nahegekommen. Ich bereue es bloß, mich dabei jemals auf andere verlassen zu haben, anstatt nur auf mich selbst.
Tom, Waldschrat

Adalbert Stifterlein

Steinsucher

„Als Knabe trug ich außer Ruten, Gesträuchen und Blüten, die mich ergözten, auch noch andere Dinge nach Hause, die mich fast noch mehr freuten, weil sie nicht so schnell Farbe und Bestand verloren wie die Pflanzen, nämlich allerlei Steine und Erddinge.“

So wie Adalbert Stifter (1805-1868) geht es mir heute noch. Damals suchte ich in den Harz-Vorbergen um Hildesheim herum Versteinerungen. „Hexen-Pfennige“ gab es da zu finden, eine Art zylindrische Seepocke, und sogar Muschel-Abdrücke. Das Land mußte sich also vor langer Zeit unter Wasser befunden haben. Was für ein geheimnisvoller Gedanke. Später kam ein großer Bergkristall aus Südfrankreich dazu, und bis heute sind es die kleinen, vermeintlich wertlosen Dinge, die meine Aufmerksamkeit stärker hervorrufen als Kunstgewerbliches. Doch wieso zieht ausgerechnet das „Fundstück“ aus New Orleans so viele Leser an? Aus irgendeinem zufälligen Grund müssen es einmal mehr gewesen sein, als bei anderen meiner Posts, dann wurde er als meistgelesen aufgeführt, bekam so noch mehr Zugriffe und wurde zum Star-Artikel, ohne daß es dafür einleuchtende Gründe gäbe.
Auch Adalbert Stifters „Bunte Steine“ haben ihren Sub-Text. 1853 als Lektüre für Kinder konzipiert, schienen dem Dichter die Kurzgeschichten letztlich nicht einmal für Jünglinge geeignet. 6 krampfhaft unter dem übergreifenden Titel zusammengestellte Erzählungen, die bis auf eine schon vorher mit anderen Überschriften existierten. „Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien.“ Dies trifft allenfalls auf die Erzählungen „Granit“ und „Bergkristall“ zu, die im bäuerlich-handwerklichen Millieu angesiedelt sind. „Kalkstein“, „Turmalin“, „Katzensilber“ und „Bergmilch“ spielen im gehobenen Bügertum bis hin zum Schloß-Besitzer. Dabei ist es gerade die sterile Künstlichkeit seiner Figuren, die auf die Nerven geht:
„Amen, teure Schwiegermutter“, sagte die Frau, „das ist ein trostreicher, herzlindernder Glaube.“
„Gib dich ihm hin, und du wirst dein Leben lang gut fahren“, antwortete die alte Frau.
Das hemmunglos kindische Diminutiv macht die Sache noch ärger. Allein auf einer Seite wird mit den Füßlein schlanker Körperchen über Hügel und Täler gewandert, mit Händchen in Körblein gesammelte Haselnüsse bekommen braune oder rosenfarbene Wänglein, man sitzt auf Bänklein, wickelt gefundene Flinserchen in Papierchen ein und tut sie in Schürzensäckchen, bewegt sich durch Wäldchen, und auf den Bergen zeigen sich kleine Täfelchen von Schnee – offensichtlich winzige. Seine Kunstfiguren von edler Einfalt und stiller Größe sind von solch einer Sittlichkeit und Güte im Umgang miteinander, daß man sich fragt, wie sich jemals ein Nazi in Österreich und Bayern entwickeln konnte. Hebbels Kritik, er kenne die Menschen nicht, war insofern nicht berechtigt, als Stifter reichlich mit sich selbst und anderen Probleme hatte. Zwar war die Kunst für ihn die irdische Schwester der Religion, er selbst jedoch ein Fresser und Säufer, der die Schrecken seiner Leberzirrhose dadurch beendete, indem er sich mit einem Rasier-Messer die Halsschlagader aufschnitt. Daß ich ausgerechnet „Bunte Steine“ im Nachlaß meines Stiefvaters fand, lag sicher nicht am sentimental-religiösen Geschwafel, am langatmigen Stil, sondern eher an den genauen Naturbeobachtungen, die den Professor für Biologie interessierten. Auch gab es da eine Parallele zum Selbstmord seiner Tochter. Doch artikulierte Stifter nicht die Abgründigkeit des Menschen mit der „tigerartigen Anlage“, nicht die Verschwendungssucht seiner Frau, die ihn u.a. in den Ruin trieb, nicht die Entäuschung als Pädagoge, sondern er wollte gerade eine betont erzieherische Sinn-Gebung in seinen Texten. „Ich glaube, daß es keine andere Krankheit der Zeit gibt als Unwissenheit und Unredlichkeit, und daß alles Übel, das in jüngster Vergangenheit die Welt heimgesucht hat, allein von diesen zwei Dingen gekommen ist.“ Und ist seine von Hebbel kritisierte Methode nicht ungemein modern? „Es fehlt nur noch die Betrachtung der Wörter, womit man schildert, und die Schilderung der Hand, womit man diese Betrachtung niederschreibt.“ Auch kann man nicht behaupten, es gäbe bei Stifter keine explosive Action: „Die Kinder gingen in der Kühle mit der Großmutter in die Luft.“
Und richtig bemerkte Stifter, wie man in Frankreich mit Napoleon umgeht: „Die Menschen, welche den Krieg noch gesehen hatten, erkannten vollkommen dessen Entsetzliches, und daß ein solcher, der ihn mutwillig entzündet, wie sehr ihn später verblendete Zeiten auch als Helden und Halbgott verehren, doch ein verabscheuungswürdiger Mörder und Verfolger der Menschheit ist, und sie meinten, daß nun die Zeiten aus seien, wo man solches beginne, weil man zur Einsicht gekommen: aber sie bedachten nicht, daß andere Zeiten und andere Menschen kommen würden, die den Krieg nicht kennen, die ihre Leidenschaften walten lassen, und im Übermute wieder das Ding, das so entsetzlich ist, hervor rufen würden.“

Berkristall

Titelbild von Ludwig Richter

Yasunari Kawabata

Wasserkocher

„Sie saß in ihrem Wohnzimmer. Ihr Kimono war vor der Brust weit auseinandergeschoben. Mit einer kleinen Schere schnitt sie sich Haare von einem Muttermal ab, das handgroß ihre linke Brust zur Hälfte bedeckte und fast bis an den Hals reichte.“
Mit dieser Beobachtung eines kleinen Jungen beginnt die Erzählung „Tausend Kraniche“ von Yasunari Kawabata (1899-1972) den befremdeten westlichen Leser in eine ihm unbekannte Ästhetik hineinzuziehen, in der die Tee-Zeremonie eine bedeutende Rolle spielt. Bei dieser Zeremonie handelt es sich um eine Ästhetisierung des Lebens, die intellektuelle Betrachtungsweise und sozialen Rang ausschließt, stattdessen spontane Übereinstimmung mit Natur und Schönheit im Tee-Haus zu erzeugen versucht. Die dabei benutzten traditionellen Gegenstände werden von Kawabata mit Gefühlswerten aufgeladen und sind doch letztlich nur Ausdruck einer untergehenden Kultur und der Dämonen, von denen die handelnden Personen besessen und gepeinigt werden. Die kostbar-antiken Teeschalen und anderen Gebrauchs-Geräte, in Japan mit unvorstellbaren Preisen gehandelt, werden dabei zu Erinnerungs-Stücken an die Personen, die sie benutzten, etwa ein vermuteter Lippen-Abdruck: „In der weißen Glasur schimmerte ein zartes Rot. Es verlangte Kikuji, die kühle und doch warm glänzende Oberfläche zu berühren … War es diese Stelle, die sie immer mit ihrem Mund berührt hatte?“ Um sich vom Bann der Dämonen zu befreien, muß sogar eine Tee-Tasse zerschlagen werden: „Es ist wohl eine Lieblingstasse Ihres Vaters gewesen, und er hat sie auf Reisen nicht missen wollen. Es ist eine Schale, die ihrem Vater ähnlich ist.“ Kawabata erklärte sich dagegen, seinen kurzen Roman als Schilderung der Kunst des Tees zu verstehen, „denn er ist eher ein kritisches Werk, in dem ich mich gegen die erniedrigende Form verwahrt habe, zu der diese Kunst heutzutage herabgewürdigt wird“.
Die ästhetische Störung, das Muttermal, ist gleichzeitig Hinweis auf Brüche im Charakter einer Teezeremonie-Lehrerin und in den gesellschaftlichen Konventionen: „Ich hätte meinem Kikuji nicht meine Brust mit einem Muttermal reichen mögen“, äußert sich die Mutter des Jungen, die nicht weiß, daß die Frau kurzzeitig Konkubine ihres verstorbenen Mannes wahr. Der erwachsene Sohn, von der Ex-Konkubine in den Engakuji-Tempel in Kamakura eingeladen, phantasiert darüber, ob sein Vater vielleicht in das Mal mit den Fingern gezwickt oder sogar hineingebissen habe. Es verfolgt ihn seit seiner Kindheit: „Im Geist sah er den Vater, wie er mit schmutzigen Zähnen in das Muttermal auf Chikakos Brust biß; und diese Gestalt seines Vaters hatte etwas mit ihm gemein.“ Die haßerfüllte Tee-Meisterin versucht erfolglos in Kikujis Leben einzugreifen, der sich wiederum mit einer, von seinem Vater wirklich geliebten, fast 20 Jahre älteren Konkubine einläßt, die in ihm Erinnerung sucht und sich schließlich umbringt, damit sich Kikuji um ihre Tochter kümmert: „Yukikos Augen und Wangen waren Kikuji so gestaltlos wie das Licht der Sonne; Chikakos Mal hingegen, das von der Brust bis an den Hals reichte, war ihm so leibhaftig wie eine Kröte.“
Kawabatas Meister-Erzählung endet plötzlich und offen. Sicher erscheint nur, wie das Böse erhalten bleibt.