Rocker

poesie

„Erst wenn man den Lebenslügen noch viel gewissenhafter nachspürt, namentlich den eigenen, beginnt die nützliche Arbeit.“
Erich Fried, „Stil und Lebenstil“

Der Mensch braucht Poesie. Ich nich. Mein Poesie-Album iss geerbt. Es enhält mit Bildern und Texten aus meiner Motorrad-Phase überklebte Poesie meiner Vorfahren. Jene setzte spät ein, denn für meine Pionier-Zeit benötigte ich eher einen R4 Kleinlaster. Da gab es viel zu transportieren. Als das erledigt war, und ich unverhofft Geld übrich hatte, fing ich 1987 mit einem Kawasaki Chopper LTD 450 an, mit dem ich nach kurzer Zeit heftich verunglückte. Es folgte ein Suzuki Chopper „Intruder“ in der 50 PS Version mit Kardan-Antrieb, den ich 1995 verkaufte, um meine Auswanderung noch zu erleben.

motorraeder

Ein Chopper, so weit das deutsche Überregulierung überhaupt zuläßt, mußte es sein. Das war mein durch „Easy Rider“ erzeugter Traum. Leider erwies sich das Motorradfahren in D als ziemlich beschissen: kalt, naß, windich, keine Musik, kreuzende Hunde neurotischer Besitzer – und der TÜV. Da schien das indonesische Klima geeigneter. Darauf hatte ich gezielt. Tatsächlich waren Straßen, Hunde und die Wilden in Indonesien um ein Vielfaches gefährlicher, und die inzwischen eingeführte Helmpflicht verdarb alles. Außerdem hatte ich wieder viel zu transportieren. So blieb nur die Erinnerung. SEUFZ! In D interessierte ich mich auch für die sozialen Motorrad-Netzwerke, die genauso kleinkariert zersplittert sind wie Parteien und Religionen. „Hells Angels“, „Bandidos“, die libanesischen „Mongols“ und die primitivsten von allen, die indonesischen „Satudarah“ (Ein Blut), verachten die nur individualistisch Genießenden und alle, die japanische Produkte fahren. Bei Maischberger sah ich 2 dieser in ihrer Säufer-Mythologie befangenen Witzfiguren wieder: Ein Boß und ein Pressesprecher der „Hells Angels“. Letzter wegen fahrlässiger Tötung vorbestraft und mit tätowierten Armen. Damit man jene besser betrachten konnte, die Ärmel hochgekrempelt. Beide natürlich bärtich mit Standard-Bierbäuchen. Sie faselten, als ob eine Anerkennung der Gemeinnützigkeit kurz bevorstand. Auch seien sie antimaterialistisch. Leider fragte Moderatorin Maischberger nicht nach den Kosten ihrer Harley-Maschinen. Statt sozialer Anerkennung dieser nach Geld, Macht und Respekt lechzenden Outsider, die glauben, das Gewalt-Monopol des Staates durch Droh-Gebärden von Wolfsrudeln aushebeln zu können, folgte das Verbot des Hells Angels-Logos. Nun klagen sie vorm Bundesverfassungsgericht, denn jene, die so dumm waren, sich das Logo auf den Rücken tätowieren zu lassen, müssen es jetzt beim öffentlichen Baden überkleben. Da hab ich nur noch gelacht. Tätowierte sind ja Menschen, die sich nich vorstellen konnten, daß sich was ändert. Minahasa-Frauen lassen sich gern die Augenbrauen tätowieren. Spätestens im Alter wirken sie dann wie Gespenster. Manchmal sehe ich Touristen mit Unterarmen, bei denen ich mich spontan frage, ob die Leute auch im Reisfeld arbeiten. So schmuddelich wirkt die bunte Tätowierung.

leichter-reiter

Advertisements

Auf nach Bagdad

fesch

Nur 56 tote deutsche Soldaten seit 2002 in Afghanistan. Ein guter Wert. Eigenartigerweise scheint es keine Verletzten, Krüppel und andere dauerhaft Behinderte zu geben. Anscheinend ist man gleich tot. Auch die Videos der US-Army zeigen einen ästhetisch begeisternden Krieg. Wunderbare Farben der roten Rauchbomben vor den gelb-braunen Tönen einer kargen Landschaft. Man steigt in Flugzeuge ein und aus, der mit einem Gummiband befestigte Heckschütze schießt ein bißchen aus der halb offenen Luke, niemand stirbt, kein Blut, nichts geht kaputt, jeder Soldat ordentlich verkabelt. Man möchte dabei sein, so dynamisch und gesichert geht es zu. Kuckt man sich jedoch auf YouTube ein wenig um, findet man Bewertungen englischer und amerikanischer Offiziere, die deutlich machen, für wie sinnlos sie ihren Einsatz halten. Besonders amerikanische Militärärzte, die aus dem Fleisch ragende Knochen sehen, verstümmelte Gesichter, die vom Kopf abwärts gelähmte Opfer aufgeben und deren Schreie hören, entwickeln eine gesunde Skepsis. Irrsinnige Mengen an teurer Munition werden weitgehend erfolglos verschossen. Die am häufigsten gehörten Rufe im chaotischen, unübersichtlichen Kampf: „Where are they?“ und „I’m out of ammo!“. Man redet englisch oder auch deutsch auf die betroffenen Afghanen ein, und jene nicken verständnisvoll.
Schade eigentlich, daß die Leichen heutzutage in die Heimat überführt werden müssen, nachdem man sie dezent vom Hauptgeschehen isoliert hat, damit keine Depressionen aufkommen. Gäbe es doch wunderbare Liegeplätze für die Toten im Orient, denn man ist ja nicht zum ersten Mal im Kaukasus, in Bagdad und auf dem Sinai: „Es wird in der Welt kaum einen schöneren Platz geben, wo deutsche Soldaten von letzten Schmerzen ausruhen, als den auf beherrschender Höhe am Bosporus liegenden Garten der einstigen Sommerwohnung des deutschen Botschafters.“ Man hatte ja historisch schon das Pech, mit den unfähigen Türken und Italienern verbündet zu sein. Der Militärberater der Türken Helmuth von Moltke klagte bereits über den „kranken Mann am Bosporus“: „Es ist lange die Aufgabe der abendländischen Heere gewesen, der osmanischen Macht Schranken zu setzen. Heute scheint es die Sorge der europäischen Politik zu sein, ihr das Dasein zu fristen.“ Und auch im ersten Weltkrieg konnten nur 5 Araber „zusammen die Arbeits-Leistung eines deutschen Arbeiters zustandebringen“. Die Beduinen pflegten sogar Isolatoren der von deutschen Technikern mühsam errichteten Stromleitungen zum Spaß zu zerschießen und konnten die Verbotstafeln nicht lesen. Zwar sammelten die Firmen Siemens und Telefunken wichtige Erfahrungen im Härtetest, aber der Feldzug entwickelte sich zum Flop. Bevor manche Kommunikations-Anlagen überhaupt fertiggestellt wurden, mußte man zusammen mit den Türken, die seinerzeit schon Symptome des Erdowahns zeigten, vor der siegreichen englisch-indischen Armee fliehen. Dabei waren Schuß-Verletzungen eher selten, sondern man starb an Cholera, Malaria, Pappatachifieber und Grippe. Man „fiel“ also nicht, sondern verreckte liegend in Aleppo, Mossul und Felludscha. In Mossul starben im Winter 1917/18 20000 Bewohner bei einer Hungersnot. Schon damals zeichneten sich die maßgeblichen Stellen in Berlin „durch eine bemerkenswerte Unkenntnis der Landesverhältnisse“ aus.
Anstatt daß junge Menschen, die mit ihrem Leben offensichtlich nichts anfangen können, jenes verkaufen, sollte man den Soldaten Anreize verschaffen, „unsere Freiheit“ nicht im Kaukasus oder an ähnlich abwegigen Orten zu verteidigen, sondern in Berlin, Köln und Kandel, also überall, wo sich der Erdowahn breit macht. Und damit die Uniform trotzdem fesch wirkt, sollte man zum Beispiel einen goldigen Hitzschlag-Orden oder den bronzenen Sandsack für Teilnahme an Flut-Katastrophen anbieten. Den Soldaten, die erfolgreich unterentwickelte Ausbilder ausgebildet und ein ganzes Land umerzogen haben, den silbernen Zeigestock. Wer zusätzlich das Herz jener Verwirrten erobert, erhält ein kleines, rotes für die Ordensbrust. Nicht zu verwechseln mit Blutspender-Abzeichen! Das gips extra.

Foto: Unteroffiziere der Kavallerie-Telegraphenschule (1899-1914)

Verschwundene Dörfer

Gudellen1932

Nicht nur Christoph Kalweit stammte aus Gudellen, Kreis Stallupönen, auch Randy (55) nahe Baton Rouge/Louisiana hatte dort ebenso Vorfahren wie in Egglenischken, dem nordwestlichen Nachbardorf. Bei der Suche nach Informationen konnte ich ihm nur mit wenig helfen, denn ich habe zu spät angefangen, mich für meine Vorfahren und ihr Land zu interessieren. Keine 2km von Podszohnen entfernt, wo mein Vater geboren wurde und aufwuchs, lag Gudellen im äußersten Ostzipfel Ostpreußens, nur 7km vor der litauischen Grenze. Gesehen habe ich die Heimat meiner Vorfahren nie, doch Randy war da: 2 years ago, we found a bunch of 1930’s letters from my great-grandfather in Egglenischken to his children in America. 3 girls and 1 boy came to New York in the 20’s. From the letters, we learned for the first time about our Ostpreußen connection. For me it has been non-stop learning since. It was amazing to learn of the Trakehners, and then see that they are only 4.9 km up the road from Egglenischken! Very ignorantly, I went there last October, expecting to find the remains of the town and thinking that I was racing against time (Google Earth showed that they were beginning to plow new fields in the area). Well, almost absolutely nothing remains and EVERYTHING is plowed.“

Nach den Erzählungen meines Vater war die Landschaft der Westheide, in der ich lebte, nicht unähnlich: Ein bewegtes Relief aus Endmoränen-Hügeln, auf denen es sich trocken leben ließ, ansonsten eben fast wie ein Tisch, belebend unterbrochen von Wäldern und Seen. Die Bezeichnung Stallupen, Stallupönen setzt sich aus litauisch stalas = Tisch (im Stadtwappen) und upe = Fluß zusammen. Im Zuge der Germanisierung mußten die alten Namen eingedeutscht werden: Stallupönen wurde in Ebenrode umbenannt, Podszohnen in ein langweiliges Buschfelde, Egglenischken in Tannenmühl und Gudellen in Preußenwall. Die Pissa, die bei Egglenischken zum Mühlenteich aufgestaut worden war, wurde zum Roßbach aufgewertet, weil die feinen Damen vorher nur vom „kleinen Flüßchen“ sprachen.

ahnentafel

Die bewegte Geschichte dieser Region zeigt ein Eintrag auf der Ahnentafel von Helmut Kalweit. Meine Vorfahrin Gristina Dobat (geb. Didlaukis; der Name weist auf Litauen), wurde 1815 in Zasken (Szaku) geboren, als man gerade die Grenzverschiebungen korrigierte, die der größenwahnsinnige Napoleon angerichtet hatte. Szaku hieß der Wall von Gudellen, der einst die dortige Wehranlage der Ureinwohner umgeben hatte. Eigenständige Stämme, weder polnisch, litauisch und schon gar keine Russen. Die Siedler wurden assimiliert, und wenn heute jemand noch ein älteres Recht auf das Land hätte als die Deutschen, so wären es die verschwundenen Prussen, Nadrauer, Sudauer, und wer da sonst noch rumlief. Bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts blieb das Gebiet allerdings ziemlich menschenleer. Der Kreis Stallupönen war durchsetzt mit Litauern, die Schulen solange zweisprachig, bis die Litauer langsam im preußischen Genpool aufgingen, der auch aus geflüchteten Salzburgern (Namen wie Salecker, Brandstädter) und Hugenotten bestand. Juden, die erst 1812 in den Genuß bürgerlicher Rechte kamen, siedelten dort in geringer Zahl. Sie waren ebenso wie manche Polen vor Unterdrückung und Progromen in ihrer Heimat ausgewichen – nicht ahnend, wie ihnen später auf deutschem Boden Schlimmeres wiederfahren würde. In der „Reichs-Kristallnacht“ 1938 verbrannte man auf dem Marktplatz von Stallupönen nicht nur die Einrichtung der Synagoge sondern auch Bibeln. Die Menschen der Region waren schon deshalb anfällig für Populismus, weil sie unter ständiger Bedrohung russischer Kavallerie-Attacken lebten. Die repressive und völkerrechtswidrige Idee des polnischen Korridors als Ergebnis des 1.Weltkriegs verstärkte noch das Gefühl der Isolation.

Gerne hätte ich in jener Landschaft gesiedelt. Eine halbwilde, blonde Litauerin geheiratet, die sich nicht zu fein gewesen wäre, die Ziegen zu melken, während ich mit Wölfen und Bären kämpfte, und wir hätten weitgehend selbstversorgend in einem Blockhaus aus polnischer Produktion gelebt – sofern nicht von mir selbst errichtet. Vielleicht wäre es aber auch so ausgegangen wie bei „Jons und Erdme„. Die Kinder hätten vom Apple-Store in Königsberg geträumt und sich geweigert, die Ziegen ohne Kopfhörer zu hüten. Als Berufswunsch hätten sie DJ, Spiele-Entwickler oder Influencer für Kosmetik-Produkte angegeben. Jedenfalls hätten sie nur eins angestrebt: da raus, raus, raus.